Die Grundformen der Angst

Krankheiten als Fähigkeiten

"Ach", sagte die Maus, "die Welt wird enger mit jedem Tag. Zuerst war sie so breit, dass ich Angst hatte, ich lief weiter und war glücklich, dass ich endlich rechts und links in der Ferne Mauern sah, aber diese langen Mauern eilen so schnell aufeinander zu, dass ich schon im letzten Zimmer bin, und dort im Winkel steht die Falle, in die ich laufe". – "Du musst nur die Laufrichtung ändern", sagte die Katze und fraß sie.

Mit dieser Parabel aus dem Jahr 1920 beschreibt der Schriftsteller Franz Kafka (1883-1924) in unvergleichlicher Weise, was für ihn Angst bedeutet: "Die Welt wird enger mit jedem Tag". Ein Mann, der die Welt wieder geweitet hat, indem er der Angst einen Namen gegeben hat, ist der Psychoanalytiker Fritz Riemann (1902-1979). Sein Hauptwerk "Die Grundformen der Angst" wird im kommenden Jahr 50 Jahre alt. Fritz Riemann unterscheidet zwischen vier Formen:

Der depressive Mensch sehnt sich nach Liebe und Geborgenheit. Er geht Konflikten bewusst aus dem Weg. Denn er hat ein schwaches Selbstwertgefühl. Er ist jedoch einfühlsam und hilfsbereit, denkt immer zunächst an andere und dann erst an sich selbst.

Der schizoide Mensch hält sich selbst für das Maß aller Dinge und weist Kritik an der eigenen Person zurück. Er vertritt seine Meinung klar und kompromisslos und vermeidet Emotionen und menschliche Nähe. Er hat eine scharfe Beobachtungsgabe.

Der zwanghafte Mensch hat Angst vor Risiko und Veränderung. Er liebt die präzise Planung, verliert sich aber häufig im Detail und wird deshalb mit seiner Arbeit nie fertig. Er ist beständig in seinen Entscheidungen. Ein Nein bleibt ein Nein.

Der hysterische Mensch ist lebhaft, spontan und charmant. Er will bewundert und anerkannt werden. Er ist sprunghaft in seinem Denken. Er macht Versprechen, die er nicht einhält. Er ist begeistert und kann begeistern. Er lebt nur im Hier und Jetzt.

Fritz Riemann sieht in diesen vier Grundformen zunächst einmal keine Krankheiten sondern Neigungen, die sich jedoch – in Krisensituationen – zu Krankheiten ausweiten können, die aber genauso gut zu Fähigkeiten werden können, wenn sie entsprechend kultiviert werden.

Ein Musterbeispiel dafür ist der Privatdetektiv Adrian Monk in der gleichnamigen US-Krimiserie, der mit seinen Zwängen seine Mitmenschen nicht nur zur Verzweiflung bringt, sondern aufgrund des damit verbundenen Spürsinns so manches Verbrechen aufklärt.


 

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