Herr E. steigt aus

Sehnsucht nach G. Ott

Herr E. ist am Ende. Die Firma, die er gegründet und viele Jahre lang geleitet hat, ist pleite. Und was noch viel schlimmer ist: Sein bisheriger Konkurrent, Herr A., hat die Firma übernommen, und seine unsägliche Frau I. hat damit begonnen, die Mitarbeiter zu entlassen. "In wirtschaftlich schwierigen Zeiten müssen wir alle Opfer bringen", hat sie mit einem süffisanten Lächeln erklärt.

Herr E. ist verzweifelt. Er setzt sich in seinen Mercedes und braust davon. Er rast auf der Autobahn in Richtung Süden. Dort am Rande der Alpen hat er seine Kindheit verbracht. Irgendwann nimmt er eine Ausfahrt, fährt auf einen Feldweg und bleibt schließlich am Waldrand stehen.

Herr E. lässt seinen Kopf auf das Lenkrad sinken und schließt die Augen. "Ich brauche Luft", denkt er sich und lässt das Seitenfenster mit einem Knopfdruck herunter. Es duftet nach Wacholder. Herr E. schläft ein. Doch plötzlich schreckt er wieder hoch. Hat da jemand mit ihm gesprochen? "Steh auf und iss!", meint er gehört zu haben. Doch es ist niemand zu sehen. Herr E. öffnet sein Handschuhfach und findet darin ein Truthahnsandwich und eine Flasche Adelholzener Naturell.

Während er isst und trinkt, durchzuckt ihn eine verrückte Idee: Was wäre, wenn er alles hinter sich lassen würde – seinen Wagen, seine Firma, sein ganzes bisheriges Leben. Dann könnte er einfach losgehen und schauen, was passiert.

Herr E. tut das Unglaubliche: Er steigt aus seinem Mercedes, löst seine Krawatte und krempelt die Hosenbeine hoch. Dann macht er sich auf den Weg. Im Nadelstreifenanzug überquert er die Wiesen, watet durch einen Bachlauf und steigt schließlich auf einen Berg.

Herr E. hat ein Ziel. Denn er weiß: Am Gipfel dieses Berges steht ein kleine Kapelle. Dort hat er sich früher oft mit dem Freund seiner Jugend getroffen, mit G. Ott. Wie lange hat er ihn nicht gesehen, wie lange nichts von ihm gehört? Nicht einmal eine Karte an Weihnachten oder ein Anruf zum Geburtstag! Doch nun hat er Sehnsucht, Sehnsucht nach G. Ott. "Mit ihm kann ich über alles reden", denkt er sich. "Er weiß bestimmt einen Weg für mich".

Völlig erschöpft kommt er oben an. Die Kapelle ist leer. Herr E. ist bitter enttäuscht. Da läutet das Handy, das sich noch immer in seiner Hosentasche befindet. Herr E. holt es heraus und liest auf dem Display: "Kehr wieder um", steht da. "Dein Leben wartet. Hab keine Angst. Ich bin bei dir. G. Ott".


 

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