Regeln und Zwänge

Lernen und vergessen

"Ich erscheine pünktlich zum Unterricht. Wenn ich zu spät komme, erkläre ich mich ohne Aufforderung. Ich habe alles dabei, was ich für die Stunde brauche. Wenn der Lehrer den Raum betritt, grüße ich freundlich und schweige. Es spricht immer nur einer – in der Regel der Lehrer. Wenn ich etwas sagen möchte, melde ich mich und warte, bis der Lehrer mich aufruft. Ich höre zu, wenn ein anderer etwas sagt und lache den anderen nicht aus. Wenn ich etwas nicht verstanden habe, frage ich nach. Ich esse und trinke während des Unterrichts nicht. Ich schalte mein Handy aus. Nach der Stunde verlasse den Raum ordentlich und verabschiede mich vom Lehrer".

So steht es an der Pinnwand eines Würzburger Gymnasiums, in dem ich Religionsunterricht erteile. Ich habe früher gedacht, die Schule sei vor allem dazu da, Wissen zu vermitteln. Aber da habe ich mich gründlich geirrt. Denn die Statistik sagt, dass die Schüler etwa 90 Prozent von dem, was sie in der Schule lernen, wieder vergessen. Die Schule soll also nicht primär Wissen vermitteln, sondern das Verhalten schulen. Sie soll Kinder und Jugendliche zu Pünktlichkeit, Ordnung, Sauberkeit und Fleiß erziehen und sie dadurch auf das Arbeitsleben vorbereiten. An der Pinnwand eines Würzburger Unternehmens steht:

"Ich erscheine pünktlich zur Arbeit und zu allen weiteren Terminen. Ich achte auf ein angemessenes Aussehen. Ich pflege mich und trage meiner Rolle angepasste Kleidung. Ich erledige alle mir übertragenen Aufgaben pünktlich und zuverlässig. Ich stehe für meine Fehler gerade und kommuniziere direkt und sachlich. Ich begegne meinem Vorgesetzten und meinen Kollegen mit dem nötigen Respekt. Ich schalte mein Handy während der Arbeit aus und nutze den Firmen-PC nicht für private Zwecke. Ich bin gegenüber Kunden aufgeschlossen und freundlich und versuche, für jedes Problem eine Lösung zu finden. Mein Ziel ist es, mich stetig zu verbessern".

In diesen Tagen bin ich mit einer Würzburger Reisegruppe in Mexiko unterwegs. Wir meiden die Ferienclubs von Acapulco und Cancún und übernachten stattdessen bei den Indianern im Hochland. Dort gibt es keine Pinnwand, keine Redeordnung, keinen Terminplan und noch keinen Handyempfang. Trotzdem sind die Menschen glücklich und zufrieden. Diese Reise ist eine Chance: Jeder von uns kann die von klein auf erlernten Regeln und die damit verbundenen Zwänge - zumindest für einen Augenblick - vergessen.


 

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