Nicht du, sondern ich

Das zweite Traugespräch

Es sind nur noch wenige Wochen, dann beginnt die diesjährige Hochzeitssaison. Schon jetzt empfange ich beinahe jeden Samstag ein glücklich verliebtes Paar zum Traugespräch. Wir sprechen über den Ablauf der Trauung, das Glockengeläut, den Hochzeitmarsch von Mendelssohn, die Traufragen, die Schriftlesung aus 1. Korinther 13, den Ringtausch und die Fürbitten der Trauzeugen.

Dann frage ich die beiden, wann und wo sie sich kennengelernt haben, welche gemeinsamen Interessen sie haben und wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. In der Regel verlaufen solche Gespräche sehr harmonisch. Denn Verliebte trauen ihren Gefühlen und glauben, dass ihr Glück für immer bleiben wird. Jeder preist die Vorzüge seines Partners und sieht großzügig über dessen Schwächen hinweg. Gleichwohl biete ich meine Hilfe an, wenn im Laufe der Ehe irgendwelche Probleme auftreten sollten.

Manchmal dauert es Jahre, bis ein Ehepaar von diesem Angebot Gebrauch macht. Das "zweite Traugespräch" verläuft meist anders als das erste: Die beiden Partner erzählen mir von den Schwierigkeiten, die sie miteinander haben, von Streit, Tränen und gegenseitigen Vorwürfen: "Schon immer habe ich", "Noch nie hast du".

Dabei fällt mir immer wieder ein und derselbe Punkt auf. Die meisten Menschen erwarten in einer Beziehungskrise die Veränderung von ihrem Partner und nicht von sich selbst: "Wenn mein(e) Mann/Frau nicht so wäre, wie er/sie ist, würde es mir ganz anders und viel besser gehen".

Einen Schlüssel zur Lösung dieses Problems finde ich in einer Geschichte, die zur Zeit in allen Kirchen gelesen wird. Beim letzten Abendmahl kündigt Jesus an, dass einer seiner Jünger ihn verraten wird. Überraschenderweise fragen die Jünger nicht: "Ist es Bruder Petrus? Oder Bruder Jakobus? Oder vielleicht Bruder Johannes?". Sondern sie fragen: "Herr, bin ich's?".

Diese Frage ist für mich zu einer Schlüsselfrage meines Lebens geworden. Denn der einzige Mensch, den ich nach dem Willen Gottes verändern kann und soll, bin ich selbst. "Herr, bin ich's?" heißt für mich: Ich muss mich ändern, nicht der andere. Dann kann unsere Beziehung gelingen.


 

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