Spuren des Lebens

Unterm gläsernen Deckel

"Every day is a challenge". Mit diesem Slogan wirbt eine Würzburger Bekleidungsfirma für ihre neue Herbstkollektion. Neben Mänteln, Jacken und Hosen gehören auch Turnschuhe zum Sortiment, die mit folgendem Text angepriesen werden: "Niemals trittst du in fremde Fußstapfen. Denn du willst Spuren hinterlassen. Und auf der Überholspur lässt du dein Profil zurück".

Als ich neulich das Haus der genannten Firma in der Schönbornstraße betreten wollte, entdeckte ich vor dem Eingang fünf gläserne Kanaldeckel, die dort in den Fußboden eingelassen sind. Diese Deckel sind nicht neu, aber ich hatte sie bisher stets übersehen und auch übergangen. Doch diesmal blieb ich stehen und blickte nach unten.

Hinter jedem Glas befindet sich der Gipsabdruck beider Hände einer bekannten Persönlichkeit aus dem Sport- oder Showgeschäft. Der Basketballer Dirk Nowitzki, der Fußballer Stefan Reuter, der Skispringer Jens Weißflog, der Entertainer Thomas Gottschalk und der Rennfahrer Ralf Schumacher haben sich hier verewigt. Besonders auffällig ist der Kontrast zwischen den riesigen Händen des Basketballers und den winzigen Händen des Skispringers.

Während ich noch über die Größe der Hände nachdenke, gesellt sich zu mir ein kleiner Junge mit seiner Mutter. "Dirk Nowitzki kenne ich", sagt der Bub zu seiner Mama. "Aber wer ist eigentlich Jens Weißflog?". Diese Frage macht mir bewusst, wie kurz das Gedächtnis unserer Gesellschaft ist. Namen, die gestern noch in aller Munde waren, sind heute schon vergessen. Menschen, die sich heute noch auf der Überholspur befinden, landen morgen schon auf dem Abstellgleis. Es wird nicht mehr lange dauern, dann wird ein anderer Junge seine Mutter fragen: "Wer ist eigentlich Dirk Nowitzki?".

Ein seltsames Gefühl beschleicht mich, als ich endlich meinen Fuß auf das Konterfei des Basketballers und dann über die Schwelle des Hauses setze. Was bleibt, so frage ich mich, wenn ich eines Tages über die Schwelle des Todes trete? Es bleibt nur ein Abdruck im Boden unter einem gläsernen Deckel - und die Hoffnung, dass Gott meinen Namen noch kennt.


 

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