Teletubbies im Altenheim

Sprache und Beziehungen

Hinter den Hügeln und keinem bekannt: Hier liegt das Teletubby-Land. Was die Teletubbies Tinky Winky, Dipsy, Laa Laa und Po wohl gerade machen? Richtig, sie arbeiten in einem Würzburger Altenheim! Sie glauben mir das nicht, liebe Leser? Doch, ich habe sie neulich selbst erlebt: Sie sehen zwar aus wie ganz normale Pflegekräfte, aber sie reden wie die Teletubbies.

Ich habe einen Geburtstagsbesuch gemacht: bei einem älteren Herrn, der früher einmal zu meiner Gemeinde gehörte. Er ist seit einiger Zeit pflegebedürftig und lebt in einem gut geführten Stift außerhalb des Frauenlandes.

Als ich das Zimmer betrat, hielt ich einen Moment inne. Denn der Jubilar saß aufrecht in seinem Bett. Er trug ein Lätzchen und wurde von einer Mitarbeiterin des Hauses gefüttert. Ich könne ruhig hereinkommen, sagte die Altenpflegerin. "Der Opa" sei gleich fertig mit dem "Happi, happi". Eine Kollegin sorgte derweil für den Zimmernachbarn. Der habe sein Getränk verschüttet und sei "pitschepatschenass". Ich könne bleiben, bis der "Onkel Doktor" kommt, sagte die erste. Aber dann sei es an der Zeit, "in die Heia" zu gehen, ergänzte die zweite. Als ich diese Worte hörte, dachte ich mir nur: "Aaaah, oooh".

Wie ein Bericht des Kuratoriums Deutsche Altershilfe in Köln belegt, ist die Verwendung der Babysprache in der Altenpflege keine Seltenheit. Dabei wollen die Pflegekräfte die von ihnen betreuten Senioren keineswegs herabsetzen. Sie wollen ihnen nur die Zuwendung geben, die ihnen manchmal von den nächsten Angehörigen vorenthalten wird. Die Studie kommt zu dem Ergebnis: Nirgendwo sonst wird einerseits so liebevoll, andererseits so herablassend mit Menschen gesprochen wie in der Altenpflege.

Der Verfall unserer Sprachkultur ist aber nicht nur im Altenheim bemerkbar, sondern auch in den Medien. Es kommt nicht selten vor, dass sich der Sprecher einer Nachrichtensendung und der Korrespondent vor Ort mit einem vertrauten "Du" anreden. Auch in der Kirche gibt es bisweilen einen Kreis von Leuten, die den Pfarrer duzen dürfen, was denen, die neu zur Gemeinde stoßen, den Zugang nicht unbedingt erleichtert.

Ich bin nicht dafür, das distanzierte "Sie" in allen Beziehungen wieder einzuführen. Aber vielleicht gibt einen sprachlichen Mittelweg zwischen der kühlen Distanz und der plumpen Vertraulichkeit. Vielleicht könnten wir die vielfältigen Möglichkeiten wieder ausschöpfen, die uns die deutsche Sprache bietet: Im Altenheim wünsche ich mir das respektvolle "Sie" in Verbindung mit "Herr Meier" und "Frau Müller". Die Anreden "Schätzchen", "Mäuschen" und "meine Süße" sollten den nächsten Angehörigen vorbehalten bleiben.


 

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