Nachgedacht

Wir sind so frei

"Wir sind so frei". So heißt das Motto der Kirchenvorstandswahlen, die am 22. Oktober in allen evangelischen Gemeinden Bayerns durchgeführt werden. Diese Wahlen werden mit einer in der Geschichte unserer Kirche bisher einmaligen Werbekampagne vorbereitet. Mit dieser Kampagne sollen die Wähler, die bei früheren Wahlen von ihrem Wahlrecht nur spärlich Gebrauch gemacht haben, motiviert werden. Zugleich sollen wählbare Gemeindeglieder dafür gewonnen werden, sich bei den Kirchenvorstandswahlen als Kandidaten aufstellen zu lassen. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf den diesjährigen Konfirmanden, die zwar noch nicht gewählt werden können, aber in diesem Jahr erstmals zur Wahl gehen dürfen.

Peinlich ist nur, dass der Auftakt der Wahlkampagne ausgerechnet mit dem Finanzskandal im Münchner Kirchengemeindeamt zusammenfällt. Das Thema "Wir sind so frei" bekommt angesichts der verschwundenen Millionen einen völlig anderen Klang. Damit teilt die Landeskirche das Schicksal einer Volkspartei, die mit dem Thema "Mitten im Leben" auch unfreiwillig ins Schwarze getroffen hat. Aber, daran habe ich keinen Zweifel, der Finanzskandal in der Kirche wird rückhaltlos aufgeklärt. Eine persönliche Bereicherung hat ohnehin nicht stattgefunden.

Die Landeskirche kann die verlorengegangene Glaubwürdigkeit aber nur dann wiederherstellen, wenn sie einerseits peinlich genau mit den ihr anvertrauten Mitteln umgeht, andererseits aber nicht in eine Reglementierung der Pfarrer oder der Gemeinden verfällt. Die Freiheit ist das größte Kapital unserer Kirche. Wie frei diese Kirche ist, erkenne ich an der Vielfalt ihrer Frömmigkeitsformen, an ihrer Offenheit im Umgang mit Kritikern und an ihrer Toleranz gegenüber Menschen, die einen anderen Glauben haben. Ich halte es für wichtig, dass sich die Kirche diese Freiheit erhält und nicht durch Radikale in den eigenen Reihen begrenzen lässt. Die strikte Abgrenzung nach außen und die totalitäre Struktur nach innen gehören zu den typischen Merkmalen einer Sekte.

"Wir sind so frei". Das bedeutet für mich: Ich kann in dieser Kirche so sein, wie ich bin. Aber ich darf nicht verlangen, dass die anderen auch so werden wie ich. Schon Paulus hat die Christen davor gewarnt, von der Freiheit des Glaubens in das Gefängnis des Gesetzes zurückzufallen: "Zur Freiheit hat uns Christus befreit".


 

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