Die Kunst des Feuermachens

Wie Kirche ist und wie sie sein soll

"Der Erfinder", so heißt eine Kurzgeschichte des indischen Jesuitenpriesters Anthony de Mello (1931-1987). Diese Geschichte handelt von einem Mann, der in grauer Vorzeit den Stämmen im schneebedeckten Norden gezeigt hat, wie sie Feuer machen können. Die Menschen waren von der neu entstandenen Wärme und dem damit verbundenen Licht so begeistert, dass sie den Erfinder gerne zu ihrem König gemacht hätten. Doch die Priester des Landes fürchteten um ihren Einfluss und ließen den Fremden heimlich umbringen.

Nach einiger Zeit stellte sich bei den Priestern ein schlechtes Gewissen ein. Sie ließen zum Gedenken an den Erfinder einen Tempel bauen, sie stellten sein Bild auf den Altar, legten seine Werkzeuge in einen Schrein und priesen seine übermenschliche Natur mit einer neu geschaffenen Liturgie. Sie schrieben ein Buch über sein Leben und erklärten dieses Buch für heilig und unabänderlich. Alle, die an diesem Buch zweifelten oder von der Liturgie abwichen, bestraften die Priester schonungslos mit der Exkommunikation oder sogar mit dem Tod. Anthony de Mello schließt mit den Worten: "Und während sie so von diesen religiösen Aufgaben in Beschlag genommen waren, vergaßen die Leute vollständig die Kunst des Feuermachens".

Mich überrascht es nicht, dass diese Geschichte beim Heiligen Stuhl auf wenig Begeisterung gestoßen ist. In einer Erklärung von 1998 heißt es, dass sich Anthony de Mello "zunehmend von der Akzeptanz Jesu Christi als Sohn Gottes und der Relevanz der Heiligen Schrift entfernt" habe. Ich teile diese Bewertung nicht. Ich glaube auch nicht, dass Anthony de Mello nur seine eigene Kirche kritisieren will. Er kritisiert vielmehr jede Form von Kirche, die sich in sinnlose Rituale verstrickt, vermeintlich Andersgläubige ausgrenzt und darüber ihren eigentlichen Auftrag vergisst. Dieser Auftrag besteht darin, Wärme und Licht in eine kalte Welt zu tragen. Oder anders gesagt: Allen Menschen die Liebe Gottes zu bezeugen, die sich in Jesus Christus offenbart hat.

Niko Natzschka

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