Jeder hat seine Wahrheit

Das Eichhörnchen als Mittler

"So war das! Nein, so! Nein, so!". So heißt ein Kinderbuch aus dem Jahr 2007. Text und Illustration stammen von der Schweizerin Kathrin Schärer. Die Geschichte spielt im Wald. Dachs, Fuchs und Bär sind eigentlich Freunde. Sie haben gemeinsam einen Turm aus Steinen gebaut. Doch nun streiten sie sich. Denn der Turm ist wieder eingestürzt. Jeder gibt dem anderen die Schuld. Folgende Fragen sind strittig: Wer hat den Turm umgestoßen? Wer hat wen gebissen? Wer hat warum gebrüllt? "So war das!", erklärt der Dachs. "Nein, so!", widerspricht der Fuchs. "Nein, so!", behauptet der Bär. Der Streit wird immer heftiger.

Plötzlich ertönt eine Stimme von oben. "Aufhören", ruft ein Eichhörnchen. Es sitzt schon die ganze Zeit auf einem Baum und hat den Konflikt von Ferne beobachtet. Dann erzählt das Eichhörnchen seine Version der Geschichte. Doch auch diese Version führt zu keinem Konsens. Im Gegenteil: Dachs, Fuchs und Bär reden nur noch wild durcheinander. "Wenn ihr euch nicht zuhört, könnt ihr einander nicht verstehen", sagt das Eichhörnchen, nimmt die Steine des eingestürzten Turmes und beginnt damit, im nahegelegenen Bach einen Staudamm zu bauen. Da vergessen die drei Freunde ihren Streit und wenden sich der neuen Aufgabe zu.

Diese moderne Fabel macht mir deutlich: In einem Konflikt zwischen Menschen geht es nicht um "richtig" und "falsch", nicht um Wahrheit und Lüge, sondern es geht nur um unterschiedliche Sichtweisen, die zu einem Konsens führen oder auch nicht. In Ehe, Familie und Gemeinde gibt es nicht einen, der im Besitz der Wahrheit ist, während alle anderen Lügner sind, sondern jeder hat seine Wahrheit und muss versuchen, sie mit der Wahrheit des anderen in Einklang zu bringen. Dazu sind alle Beteiligten in der Regel auf Hilfe von außen angewiesen - das heißt: auf eine externe Mediation oder Supervision.

Niko Natzschka

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