Wieviel ist das Leben wert?

Eine Rettungsaktion in den Alpen

Die Riesendinghöhle im Berchtesgadener Land ist mit einer Tiefe von 1.148 Metern und einer Länge von über 19,2 Kilometern die tiefste und längste bekannte Höhle Deutschlands. Der Name dieser Höhle geht auf den erstaunten Ausruf ihres Entdeckers zurück, der bei der Erstbegehung gerufen haben soll: "Das ist ja ein Riesending!".

Am unteren Ende der Riesendinghöhle wurde der 52-jährige Höhlenforscher Johann Westhauser am Pfingstsonntag 2014 bei einem Steinschlag schwer am Kopf verletzt. Während einer seiner beiden Begleiter bei ihm blieb, um Erste Hilfe zu leisten, stieg der andere innerhalb von 12 Stunden zum Höhleneingang auf, um weitere Hilfe zu holen.

Damit begann eine beispiellose alpine Rettungsaktion, an der insgesamt 728 Helfer beteiligt waren, darunter 202 Spezialisten aus 5 Ländern: 89 Italiener, 42 Österreicher, 27 Deutsche, 24 Schweizer und 20 Kroaten. Die Bergung Westhausers erwies sich aufgrund der Schwere seiner Verletzung und der komplizierten Struktur der Höhle als äußerst schwierig – doch sie gelang.

Nach 11 Tagen, am Fronleichnamstag, erblickte der verletzte Höhlenforscher wieder das Tageslicht und wurde mit einem Hubschrauber in die Unfallklinik Murnau geflogen. Seitdem hat sich sein Zustand langsam aber stetig verbessert. Er wird wohl wieder gesund werden.

Trotz ihres glücklichen Endes wirft diese Geschichte Fragen auf: Hat Johann Westhauser verantwortlich gehandelt, als er sich freiwillig in eine so gefährliche Situation begeben hat? Ist es richtig, für das Leben eines einzigen Menschen das Leben vieler anderer Menschen, in diesem Fall der Helfer, aufs Spiel zu setzen?

Und nicht zuletzt: Wer trägt die Kosten einer solchen Rettungsaktion – der Staat, also wir alle, eine Versicherung oder der Verursacher selbst? Wieviele Menschenleben hätten an anderen Stellen der Welt mit dem gleichen Betrag gerettet werden können?

Doch halt! An diesem Punkt weist mich mein christliches Gewissen in die Schranken: Menschenleben können und dürfen nicht gegeneinander aufgewogen werden. Denn jeder Mensch ist ein einmaliges und unverwechselbares Geschöpf Gottes. Wir dürfen und sollen alle zur Verfügung stehenden Mittel einsetzen, um jedes Leben zu retten, auch das Leben eines wagemutigen Höhlenforschers. Die Rettungsaktion von Berchtesgaden ist für mich ein ermutigendes Zeichen dafür, wieviel das Leben eines einzelnen Menschen heute zumindest in Deutschland und Europa wert ist.

Das war nicht immer so. Vor 100 Jahren begann der 1. Weltkrieg, der als Blitzkrieg geplant war und sich schon bald in einen langanhaltenden Stellungskrieg verwandelte, der auch in den Ostalpen an der Grenze zwischen Österreich und Italien geführt wurde. Dabei wurden Höhlen nicht nur erforscht, sondern auch mit Sprengstoff gefüllt, um feindliche Stellungen in die Luft zu jagen.

Angesichts der Schrecken des 20. Jahrhunderts empfinde ich es als tröstlich, wenn sich am Anfang des 21. Jahrhunderts Italiener, Österreicher, Deutsche, Schweizer und Kroaten zusammentun, um das Leben eines einzelnen Menschen zu retten. Diese Aktion ist – im besten Sinne des Wortes - ein Riesending.

Niko Natzschka

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