Wer ist mein Nächster?

Eine Auslegung zu Lukas 10,25-42

Ausgangspunkt ist die Frage eines Schriftgelehrten: "Was muss ich tun, dass ich das ewige Leben ererbe?". Jesus antwortet mit einer Gegenfrage: "Was steht im Gesetz geschrieben?". In seiner Antwort verbindet der Schriftgelehrte zwei Gebote, die in der Thora, dem jüdischen Gesetz, an völlig verschiedenen Stellen stehen und schafft somit das "Doppelgebot der Liebe": "Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen ... und deinen Nächsten wie dich selbst".

Nun hat der Evangelist Lukas zwei Geschichten angefügt, die dieses Doppelgebot erklären sollen. Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter erklärt die Nächstenliebe. Und die Erzählung von Maria und Marta erklärt die Liebe zu Gott. Beide Geschichten widersprechen sich in ihrer Kernaussage. Die Erzählung von Maria und Marta sagt: "Es ist wichtiger, auf Gottes Wort zu hören, als sich im Dienst am Nächsten aufzureiben". Und das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter sagt: "Es nützt nichts, im Hause des Herrn Dienst zu tun, wenn man den Nächsten im Graben liegen lässt".

Welche Geschichte ist nun wichtiger? Welche Aussage ist richtig? Der Evangelist Lukas will offensichtlich sagen: Beide Geschichten sind nur zusammen wahr. Die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten gehören zusammen, sie bedingen sich gegenseitig.

Doch das Gespräch zwischen Jesus und dem Schriftgelehrten ist noch nicht zu Ende. Der Schriftgelehrte fragt: "Wer ist denn mein Nächster?". Möglicherweise sieht er gerade vor seinem inneren Auge drei Hilfsbedürftige: einen Hungrigen, einen Unbekleideten und einen Obdachlosen. Und er fragt Jesus: "Wem von den dreien soll ich denn jetzt zuerst helfen? Ich kann doch nicht für alle gleichzeitig da sein!".

Doch Jesus kehrt mit seinem Gleichnis vom Barmherzigen Samariter diese Konstellation genau um, indem er einem Hilfsbedürftigen drei potentielle Helfer gegenüberstellt: einen Leviten, also einen Tempeldiener, einen Priester und einen Samariter. Die Frage lautet also gar nicht "Wer ist mein Nächster?", sondern "Wer ist der Helfer? oder genauer gesagt: "Bin ich der Helfer?".

Der Helfer ist in diesem Fall kein gläubiger Jude, sondern ein Samariter, das heißt: ein Mensch, der nach damaligen Verständnis den falschen Glauben hatte. Dieser vermeintlich Ungläubige wird von Jesus zum Vorbild erklärt. Wird der Glaube dadurch entwertet? Keineswegs! Jesus macht dem Schriftgelehrten nur klar: Der wahre Glaube erweist sich in der guten Tat. Nun kann der Schriftgelehrte nicht mehr ausweichen. Jesus sagt zu ihm: "Geh hin und tu desgleichen!".

Niko Natzschka

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