Das Treffen in der Nacht

Wenn Brüder teilen

"Sage nicht, dass du einen Menschen kennst, bevor du nicht ein Erbe mit ihm geteilt hast". So lautet eine Erkenntnis des Schweizer Pfarrers Johann Caspar Lavater (1741-1801). Auch ich erlebe nicht selten Geschwister, die sich nach dem Tod ihrer Eltern heftig streiten. Manchmal werde ich um Vermittlung gebeten. Dann erzähle ich die folgende jüdische Geschichte.

Es waren einmal zwei Brüder. Der Jüngere war verheiratet und hatte Kinder, der Ältere war ledig und allein. Die beiden Brüder arbeiteten zusammen, sie pflügten gemeinsam das von den Eltern geerbte Land und streuten miteinander den Samen aus. Zur Zeit der Ernte brachten sie das Getreide herein und teilten die Garben in zwei gleich große Stöße. Als es Nacht wurde, legte sich jeder der beiden bei seinem Stoß nieder.

Der Ältere aber konnte nicht einschlafen und sprach in seinem Herzen: "Mein Bruder hat eine Familie, ich bin allein und ohne Kinder. Trotzdem habe ich genauso viele Garben bekommen wie er. Das ist nicht gerecht". Er überlegte lange hin und her und konnte keine Ruhe finden, bis er aufstand, einige seiner Garben nahm und sie heimlich und leise auf den Stoß des Jüngeren legte. Dann begab er sich wieder zur Ruhe und schlief ohne Sorgen ein.

In der gleichen Nacht erwachte auch der Jüngere von seinem Schlaf. Er hatte von dem anderen geträumt und dachte sich: "Mein Bruder ist allein und hat keine Kinder. Wer wird in seinen alten Tagen für ihn sorgen?". Darum stand er auf, nahm etwas von seinen Garben, die neben ihm lagen, und trug sie heimlich und leise hinüber zu dem Stoß des Älteren. Als am nächsten Morgen die Sonne aufging, erhoben sich die beiden Brüder. Und jeder war erstaunt, dass der eigene Stoß genauso groß war wie am Abend zuvor. Doch keiner sagte dem anderen etwas.

In der folgenden Nacht wartete jeder ein Weilchen, bis er den Eindruck hatte, dass der andere eingeschlafen sei. Dann erhoben sich beide gleichzeitig, jeder nahm von seinen Garben, um sie zum Stoß des anderen zu tragen. Auf halbem Wege trafen sich die beiden Brüder - und jeder erkannte, wie gut es der andere mit ihm gemeint hatte. Da ließen sie ihre Garben fallen und umarmten sich gegenseitig in brüderlicher Liebe.


 

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