Im Musée d'Orsay in Paris
Foto: Niko Natzschka

Der große und der kleine Zeiger

Getrennte Wege, gemeinsame Mitte

Wer vom Norden oder Westen in den Süden oder Osten unserer Republik zieht, muss sich erst einmal daran gewöhnen, dass die Uhrzeiten anders gelesen werden. Dafür zwei Beispiele: Die Zeit "10.15 Uhr" heißt in Westfalen "Viertel nach zehn", in Franken dagegen "Viertel elf". Die Zeit "10.45 Uhr" heißt in Westfalen "Viertel vor elf", in Franken dagegen "Dreiviertel elf".

Diese sprachliche Differenz führt nicht selten zu Missverständnissen. Richtig kompliziert wird es aber erst, wenn der Westfale per Mailbox mitteilt, er werde "anderthalb" – gemeint sind "eineinhalb" - Stunden zu spät kommen. Und wenn der Franke dann noch seine Ankunft für "morgen halb acht" ankündigt, ist das Chaos komplett: Meint er jetzt "7.30 Uhr" oder "19.30 Uhr"?

Die Lösung dieses Problems liegt auf der Hand: Die Digitaluhr erlaubt nur eine Lesart und unterscheidet zwischen den Stunden vor und nach 12.00 Uhr mittags. Doch damit geht leider die Ästhetik der Analoguhr verloren, die sich aus der Gestaltung des Zifferblatts und dem Zusammenspiel der beiden Zeiger ergibt.

Der große und der kleine Zeiger sind ein Symbol dafür, dass diese Welt Beziehung ist und sonst nichts. Ein Raum lässt sich nur darstellen als Abstand zwischen zwei Gegenständen. Ein Zeitraum lässt sich nur darstellen als Abstand zwischen zwei Ereignissen. Darum kann der Mensch auch nicht in Bezug auf sich selbst Mensch sein. Er braucht einen Partner, Verwandte, Freunde, Kollegen und Nachbarn – kurzum ein soziales Umfeld, das ihm sagt, wer er ist. Zu diesem Umfeld gehören auch die Natur und - meinem Verständnis nach – Gott.

Ein modernes Märchen erzählt von dem großen und dem kleinen Zeiger einer Analoguhr. Diese beiden Zeiger verlieben sich ineinander. Sie freuen sich auf jede Begegnung und leiden unter jeder Trennung. Doch eines Tages beschließen sie, beieinander zu bleiben, und bringen die Uhr genau um 12.00 Uhr mittags zum Stehen. Nach einer Weile des Stillstands gehen sich die beiden so auf die Nerven, dass sie sich wieder trennen. Nach einer Stunde und gut fünf Minuten berühren sie sich wieder, um sich gleich darauf wieder zu trennen. Was bleibt, sind 22 kurze, aber innige Berührungen am Tag - und die Verwurzelung in einer gemeinsamen Mitte.


 

Copyright © 1999-2017 Martin-Luther-Kirche, Würzburg. Alle Rechte vorbehalten.
Impressum, Datenschutz, Haftungsausschluß
.