Die doppelte Begegnung

Ein Unfall und seine Folgen

Es ist Sonntagabend. Ich komme von einer Hochzeit und fahre mit meinem Wagen auf der A 7 in südlicher Richtung. An der Antenne weht fröhlich ein weißes Bändel, das der Trauzeuge am Morgen angeheftet hat. Ich freue mich auf Zuhause. Es sind nur noch wenige Kilometer. Vor mir ein langsames Fahrzeug. Ich schaue mich um, drücke aufs rechte Pedal und wechsele auf die linke Spur. Plötzlich spüre ich von hinten einen heftigen Stoß. Mir ist sofort klar, was passiert ist: Ein anderes Fahrzeug hat meinen Wagen mit hoher Geschwindigkeit gerammt.

Was dann kommt, kann ich nicht mehr beeinflussen: Mein Wagen schleudert zunächst gegen die linke und dann gegen die rechte Leitplanke. Das Fahrzeug des Unfallgegners hat sich inzwischen überschlagen und liegt quer vor mir auf der Fahrbahn. Mein Wagen fährt frontal in seine Seite, überschlägt sich und bleibt auf dem Dach liegen. Dann ist es für einen Moment völlig still.

Wenig später höre ich Sirenen, Bremsen, laute Stimmen. Mehrere Sanitäter, ein Arzt, die Polizei. Der Unfallgegner und ich werden aus unseren völlig zerstörten Autos gezogen. Kaum zu glauben: Wir sind beide unverletzt. Nur ein paar Schrammen und blaue Flecken. Sonst nichts. Die Autobahn ist gesperrt. Ich sehe mitten auf der Fahrbahn das weiße Bändel liegen. Es hat sich offenbar während des Unfalls von der Antenne gelöst. Ich hebe das Bändel vom Boden auf und lege es in meine Brieftasche.

In diesem Moment spüre ich in mir eine tiefe Dankbarkeit. Es kommt mir so vor, als sei mir an diesem Sonntag mein Leben noch einmal geschenkt worden. In den folgenden Tagen nehme ich alles viel bewusster wahr: Farben und Formen. Geräusche, Gerüche und Geschmäcker. Nichts ist auf einmal mehr selbstverständlich.

Auch der Gottesdienst am nächsten Sonntag ist ein ganz besonderer. Ich singe, bete und predige viel bewusster als sonst. Alles hat einen neuen vertieften Sinn: das Kyrie, das Gloria, das Credo, das Sanctus und das Agnus Dei. Und dann die Austeilung des Abendmahls. Ich nehme die Schale mit den Hostien und warte auf die Gäste. Sie treten aus den Bänken hervor und bilden eine Schlange. Einer nach dem anderen erhält aus meiner Hand das Brot.

Plötzlich steht er vor mir: der Unfallgegner. Er hat sich – von mir unbemerkt - in die Schlange der Abendmahlsgäste eingereiht. Ich bin überrascht, denn ich habe ihn noch nie zuvor in der Kirche gesehen. Er sagt nichts, sondern steht einfach nur da und streckt mir seine Hand entgegen. Und ich sehe ihn an, halte einen Moment inne und gebe ihm dann die Hostie mit den Worten "Christi Leib, für dich gegeben".


 

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