In einem grauen Land

Rot, Grün, Blau und Gelb

Es war einmal ein Land, in dem lebten die Wichtel. Die Wichtel waren grau. Das heißt: Sie hatten eine graue Mütze, ein graues Hemd, eine graue Hose und - was ihnen besonders wichtig war - graue Schuhe. Genauso grau wie die Wichtel war auch ihr Land: Sie lebten in einem grauen Dorf, das sich in einem grauen Tal an einem grauen Fluss zwischen grauen Bergen befand. Auch das Leben der Wichtel war grau. Jeder Tag glich dem anderen: Morgens aufstehen, dann arbeiten, dann essen und abends wieder zu Bett gehen. In ein graues Bett, versteht sich.

Alles war immer gleich. Nie änderte sich etwas. Doch eines Tages entdeckte ein Wichtel bei einem Spaziergang eine Rose. Und diese Rose war nicht grau, nein, sie war rot. Erschrocken wich der Wichtel zurück. Denn er hatte noch nie zuvor eine rote Rose gesehen. Doch er war neugierig. Darum kam er vorsichtig wieder näher. Dann steckte er seine graue Nase in die rote Rose. Er roch den wunderbaren Duft und plötzlich wurden seine Schuhe rot.

Der Wichtel schämte sich seiner roten Schuhe. Darum zog er sie aus, verbarg sie unter seinem grauen Hemd und lief barfuß ins Dorf hinein. Doch der Weg war steinig. Da fingen die Füße an zu bluten. Und das Blut war nicht grau, nein, es war rot. Ein anderer Wichtel sah die wunden Füße, hatte Mitleid und überließ ihm seine grauen Zweitschuhe. Der Wichtel zwängte sich in die grauen Schuhe, doch sie waren viel zu klein. Seine Füße schwollen beim Gehen an und schmerzten ihn ganz entsetzlich.

Da entschloss sich der Wichtel, seine eigenen Schuhe wieder anzuziehen und mit ihnen durchs Dorf zu gehen. Die anderen Wichtel lachten zunächst über die roten Schuhe, dann schimpften sie und dann schlugen sie ihn. Schließlich warfen sie ihn in ein graues Gefängnis, das sich in der Mitte des Dorfes befand.

Da saß er nun in einer grauen Zelle auf einem grauen Bett und betrachtete seine roten Schuhe. Am nächsten Tag wurde er ein zweiter Wichtel eingeliefert, der war in die Brennnesseln gefallen. Und seine Schuhe waren grün. Am dritten Tag kam ein Wichtel, der hatte von den Blaubeeren gegessen. Seine Schuhe waren blau. Am vierten Tag kam ein Wichtel mit gelben Schuhen. Der hatte die Osterglocken geläutet.

Da beschlossen die vier Wichtel, Freunde zu werden. Sie fingen an, die grauen Wände zu bemalen. Sie schrieben Gedichte und trugen sich diese gegenseitig vor. Sie komponierten Lieder und bildeten einen vierstimmigen Chor. Sie sangen so laut, dass die Mauern des Gefängnisses bebten und die Türen von selbst aufgingen.

Als die vier Freunde nach draußen traten, trauten sie ihren Augen kaum. Denn die Welt, die sie jetzt sahen, war bunt. Die Häuser waren gelb und hatten rote Dächer. Das Tal war grün und der Fluss blau. Und dazu gab es noch viele andere Farben. Es gab Orange und Violett, Indigo und Magenta, Silber und Gold und noch viel, viel mehr. 


 

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