Schneller, höher, weiter

Die Grenzen des Wachstums

Nur 41 Schritte brauchte Usain Bolt, um in die Sportgeschichte einzugehen. Am 16. August 2009 lief der Jamaikaner bei der Leichtathletik-WM in Berlin die 100 m in 9,58 sec und verbesserte damit seinen eigenen Weltrekord um gleich 11 Hundertstelsekunden. Besonders beeindruckend war für mich der Abstand, mit dem der grün-gelbe Ausnahmesportler auf der blauen Bahn die gesamte Konkurrenz hinter sich ließ.

Während Usain Bolt einen Rekord nach dem anderen aufstellt, wirken die Bestmarken in anderen Disziplinen seit etwa 20 Jahren wie eingefroren. So wird der entsprechende Weltrekord der Frauen noch immer von der inzwischen verstorbenen US-Amerikanerin Florence Griffith-Joyner gehalten, die am 16. Juli 1988 in Indianapolis die 100 m in 10,49 sec lief.

Auch andere Sportarten funktionieren schon lange nicht mehr nach der Devise "Schneller, höher, weiter". Hochsprung der Männer: 2,45 m, 27. Juli 1993, Salamanca, Javier Sotomayor, Kuba. Hochsprung der Frauen: 2,09 m, 30. August 1987, Rom, Stefka Kostadinowa, Bulgarien. Weitsprung der Männer: 8,95 m, 30. August 1991, Tokio, Mike Powell, USA. Weitsprung der Frauen: 7,52 m, 11. Juni 1988, Leningrad, Galina Tschistjakowa, UdSSR.

Diese Beispiele zeigen, dass die Grenzen dessen, was der Mensch ohne Einsatz von Doping-Mitteln zu leisten vermag, schon lange erreicht sind. Diese Erkenntnis könnte eine Chance sein zum Umdenken – nicht nur in der Welt des Sports, sondern auch in den Bereichen Wirtschaft, Gesellschaft und Kirche.

Warum müssen unsere Sportler unbedingt Gold gewinnen und können sich nicht auch über Silber oder Bronze freuen? Warum kann die Arbeitslosigkeit nur bekämpft werden, indem die Wirtschaft – zulasten der Umwelt – angekurbelt wird? Warum müssen unsere Häuser immer größer, unsere Autos immer schneller und unsere Frauen immer schlanker werden? Warum müssen christliche Gemeinden wachsen und immer mehr Mitarbeiter gewinnen?

Der Glaube, so wie ich ihn verstehe, befreit mich von dem Zwang, ständig wachsen zu müssen. Ich darf sein wie Baum, der mal wächst und mal ruht und dann wieder wächst – aber nur im Rahmen der von der Natur festgelegten Grenzen. "Manchmal träume ich davon", schreibt die Schriftstellerin Andrea Schwarz, "dass ich nicht immer nur blühen muss, sondern Zeit und Ruhe habe, um Kraft für neue Triebe zu sammeln".


 

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