Zeugnistag

Was im Leben wirklich zählt

Hallo liebe Eltern, hier schreibt Eure Tochter Katharina. Ich denke noch gerne an das schöne Weihnachtsfest zurück. Danke für das tolle Mathebuch, das Ihr mir geschenkt habt!

Seit sechs Wochen bin ich nun wieder im Internat. Es tut mir leid, dass ich mich solange nicht bei Euch gemeldet habe. Das liegt wohl daran, dass ich zur Zeit ziemlich viel Stress in der Schule habe. Aus diesem Grunde habe ich auch Anfang des Jahres mit dem Rauchen angefangen. Ich bin sicher, dass Ihr dafür Verständnis habt. Denn Ihr wart ja früher selbst starke Raucher. Leider darf ich nicht – wie Ihr früher – im Pausenhof rauchen. Darum rauche ich heimlich nachts im Bett.

Neulich bin ich, weil ich leicht angetrunken war, mit dem Glimmstängel in der Hand eingeschlafen. Leider hat die brennende Zigarette einen kleinen Zimmerbrand ausgelöst. Aber keine Sorge! Der Sohn von unserem Hausmeister hat mich in letzter Sekunde aus dem Zimmer gezogen. Meine Rauchvergiftung habe ich schon nach wenigen Tagen im Krankenhaus auskuriert. Der Arzt meint, dass die Verbrennungen im Gesicht in den nächsten Jahren ausheilen werden.

Mein Lebensretter hat mich mit einem Rosenstrauß im Krankenhaus besucht – und ich habe mich spontan in ihn verliebt! Er hat eine dunkle Hautfarbe, eine andere Religion und keinen Schulabschluss. Aber das wird Euch bestimmt nichts ausmachen. Denn Ihr habt mir ja immer gesagt, dass vor Gott alle Menschen gleich sind.

Mein Freund ist sehr zärtlich zu mir und sagt, dass er mich heiraten will. Vielleicht ahnt Ihr es schon: Ja, ich bin schwanger! Ihr werdet noch in diesem Jahr Großeltern. Ich weiß, dass Ihr Euch schon immer ein Enkelkind gewünscht habt. Meine Schwangerschaft wird mir bestimmt auch helfen, von den Drogen wegzukommen. Ist das nicht schön?

Liebe Eltern, es tut mir leid, dass ich Euch gerade einen solchen Schrecken eingejagt habe! Nichts von dem, was ich oben geschrieben habe, ist wahr. Wahr ist dagegen: Ich rauche nicht, ich trinke nicht, ich nehme keine Drogen. Mein Zimmer ist nicht ausgebrannt, ich habe keine Verletzungen. Ich habe keinen Freund, bin nicht schwanger und werde vorläufig auch nicht heiraten.

Wahr ist auch: Ich habe am Freitag mein Zwischenzeugnis bekommen. In Mathe habe ich wieder einmal eine Fünf. Mein Lehrer hat gesagt, wenn ich mich anstrenge, kann ich bis zum Jahresende auf eine Vier kommen. Darum hoffe ich, dass Ihr Euch diesmal nicht so aufregt wie beim letzten Mal. Denn es gibt wirklich Wichtigeres im Leben.


 

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