Ein Stück blauer Kreide

Der Maler und sein Sohn

Am Ende der Straße, da stand ein kleines weißes Haus mit einem roten Dach. In diesem Haus wohnte der Maler Francesco mit seinem Sohn Angelo. Jeden Morgen gingen die beiden in die Stadt und setzten sich auf den Marktplatz. Angelo reichte seinem Vater eine Schachtel mit Straßenkreide, und Francesco malte damit ein Bild.

Am ersten Tag nahm er die Farben Schwarz und Weiß, er malte die Finsternis und das Licht. Am zweiten Tag nahm er die Farben Blau und Braun und malte den Himmel und die Erde. Am dritten Tag malte er grüne Blumen mit roten Blüten. Am vierten Tag malte er das ganze Sternenzelt in einem leuchtenden Gelb. Am fünften Tag nahm er alle Farben, die er noch hatte, und malte viele bunte Tiere. Am sechsten Tag malte er den Menschen als Mann und als Frau. Am siebten Tag, da ruhte sich Francesco aus. Er freute sich an dem Bild, das den Boden des Marktplatzes bedeckte.

Am achten Tag kamen Francesco und Angelo wieder in die Stadt, doch sie trauten ihren Augen nicht: Denn ein anderer Künstler, oder besser gesagt: ein Schmierfink, hatte das wunderbare Bild verschandelt. Er hatte mit Graffiti eine giftige Schlange und einen angebissenen Apfel hineingemalt. Angelo hob die Spraydose auf, die immer noch am Boden lag. Dann blickte er um sich und sah, dass der nächtliche Sprayer nicht nur das Bild seines Vaters übermalt, sondern auch die Häuser rund um den Marktplatz verschmiert hatte.

"Da ist er, der Schmierfink", rief plötzlich eine Stimme. Angelo drehte sich um und sah eine Schar von Polizisten, die ihn sogleich ergriffen und von Kopf bis Fuß durchsuchten. Ehe Francesco den Irrtum aufklären konnte, wurde sein Sohn verhaftet und in eine finstere Zelle geworfen. Nur ein winziges Detail hatten die Beamten übersehen: Angelo hatte immer noch ein kleines Stück blauer Kreide in seiner Hosentasche.

Es wurde Abend und Morgen, der letzte Tag. Da öffneten die Wächter die Zellentür, um Angelo seinem Richter vorzuführen. Doch sie erschraken zutiefst, denn die Zelle war leer. An der Wand lehnte eine blaue Leiter: Sie war nur gemalt, aber sie führte zum Himmel, der die ganze Zellendecke überspannte. Die Männer blickten nach oben und sahen nur noch die Ferse von Angelo, der gerade in den Wolken verschwand.


 

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