Der Maikäfer

Ein Faden wird zum Seil

Ein altes Märchen erzählt von einem König und seiner schönen Tochter. Diese Tochter verliebte sich in einen jungen Edelmann. Aber sie durfte ihn nicht heiraten, weil ihr Vater sie bereits einem anderen versprochen hatte. Die junge Frau zeigte sich keineswegs einsichtig. Darum ließ sie der König in einen Turm sperren. Da saß sie nun, ganz oben in dem Turmzimmer, und weinte bitterlich. Sie weinte einen ganzen Tag lang und eine halbe Nacht. Mitten in der Nacht schlief sie ein. Doch plötzlich wachte sie wieder auf. Denn sie meinte, das Wiehern eines Pferdes gehört zu haben. Sie beugte sich zum Fenster hinaus und sah nichts, nur die finstere Tiefe. Doch sie spürte intuitiv die Nähe ihres Liebsten. Was hatte der junge Mann vor?

Er stand am Fuße des Turms, nahm einen Maikäfer, tupfte auf die beiden Fühler des Käfers jeweils einen Tropfen Honig und wickelte einen Faden um seinen Bauch. Dann setzte er den Käfer an den Fuß des Turms, mit der Blickrichtung nach oben. Der Käfer roch den süßen Honig und wollte ihn gerne essen, doch er kam nicht heran. Darum kletterte er an der Außenwand des Turmes hoch und zog den Faden mit sich.

Als der Käfer oben ankam, erschrak die junge Frau nicht wenig. Doch dann entdeckte sie den Faden, der um den Bauch des Käfers gewickelt war. Sie befreite den Käfer von seiner Last und zog an dem Faden. Sie zog und zog. Und siehe da, am Ende des Fadens war ein Knoten. Und an diesem Knoten hing eine Schnur. Sie zog weiter und weiter. Und aus der Schnur wurde ein Strick. Und aus dem Strick wurde ein Seil. Und aus dem Seil wurde ein Tau. Die junge Frau nahm das Tau. Sie befestigte es an einem Dachbalken und ließ sich mit Hilfe des Taus an der Außenwand des Turmes nach unten gleiten. Dort schloss sie der Geliebte lautlos in die Arme, schwang sich mit ihr aufs Pferd - und schon verschwanden die beiden im Dunkel der Nacht.

An dieses Märchen musste ich denken, als ich kürzlich auf einer Wiese am Forsthaus Guttenberg meinen ersten Maikäfer sah. Der Maikäfer ist für mich ein Symbol. Er verbindet Menschen, die sich lieben, und erinnert Kinder an ihre Mutter. Die jüdische Dichterin Rose Ausländer (1901-1988) schreibt: "Mai / mein Monat / Da hat mich / meine Mutter geboren / Sie sang Ja / zu mir / Maikäfer / tanzen noch immer / um ihr Licht".


 

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