Die Legende lebt

Sankt Martin heute

"Kinder des Lichts". So nannten sich die Hugenotten in Frankreich, die im 16. Jahrhundert ihren Glauben mutig bekannten, obwohl sie von staatlicher Seite verfolgt wurden. Einige dieser Hugenotten trafen sich heimlich in einer Kirche, die von außen wie ein Wohnhaus aussah. Da sie ihren Gottesdienst nachts feierten und die Kirche keine Beleuchtung hatte, musste jeder Besucher eine Laterne mitbringen.

Wenn keiner kam, so blieb die Kirche dunkel. Wenn einer kam, so wurde der Raum ein wenig hell. Und wenn hundert kamen, so strahlte die Kirche aus allen Fenstern. Sie war dann so hell, dass die Läden geschlossen werden mussten, um keinen Verdacht zu erregen. Diese Kirche gibt es noch heute. Sie heißt "Das Haus der hundert Lichter".

An diese Kirche in Frankreich muss ich jedes Mal denken, wenn am Martinstag ungefähr hundert Kinder mit ihren Laternen die Martin-Luther-Kirche füllen. Auch in diesem Jahr werde ich ihnen wieder von Sankt Martin erzählen, der seinen Mantel teilte, als er vor den Toren von Amiens den frierenden Bettler sah. Dann werden wir gemeinsam durch die Straßen des Frauenlandes ziehen und miteinander singen "Sankt Martin ritt durch Schnee und Wind".

Wie in jedem Jahr ist auch diesmal wieder ein echtes Pferd dabei - und ein Reiter der seinen Mantel teilt. Nach dem Laternenumzug bekommt jedes Kind ein kleines Geschenk, das von einer Würzburger Bäckerei eigens angefertigt wird: eine Martinsgans aus Hefeteig. Denn nach einer anderen Legende soll sich der Heilige Martin in einem Gänsestall versteckt haben, als man ihn zum Bischof von Tours wählen wollte. Doch die Gänse verrieten ihn durch ihr Geschnatter - und so musste er dieses wichtige Amt antreten.

Sankt Martin ist bis heute einer der beliebtesten Heiligen der Kirche. Vielleicht deshalb, weil er die menschliche Seite des Christentums vertritt. Er hat seinen Glauben nicht mit dem Schwert verteidigt. Sondern er hat das Schwert dazu eingesetzt, um Gutes zu tun. Er war ein Mensch, der Christ wurde und zugleich den Christen gezeigt hat, wie sie wieder Menschen werden können. Sankt Martin erinnert die Kirche noch heute an ihren wichtigsten Auftrag: ein Haus des Lichts zu sein in einer dunklen Welt. Kein Zweifel: Die Legende lebt.


 

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