Nachgedacht

Zeichen seiner Gnade

Ein Tag aus meinem Leben. Es ist früh am Morgen. Mein Wecker reißt mich pünktlich um 5.55 Uhr aus allen Träumen. Ich will ihn mit meinem Kissen zum Schweigen bringen. Dabei rutsche ich auf dem Bettvorleger aus und schlage mit meinem Kopf gegen den Nachttisch. Nun bin ich wach. Mühsam schleppe ich mich ins Bad. Im Spiegel erblicke ich ein müdes, unrasiertes Gesicht. Am liebsten würde ich wieder ins Bett gehen. Doch leider geht das nicht.

Meine Frau und ich wechseln beim Frühstück kein Wort. Gerade will ich ein unschuldiges Hörnchen in ein Tasse schwarzen Kaffee tauchen, da schlägt sie die Bibel auf. Sie liest mir den Psalm 100 vor. Ein fröhliches, dankbares Lied von heiteren, ausgelassenen Menschen. "Jauchzet dem Herrn, alle Welt. Dienet dem Herrn mit Freuden, kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken". Ich ärgere mich darüber, daß sich andere freuen, während es mir so schlecht geht. Ich frage mich: Woher kommt diese Freude? Ist das Leben nicht schwer genug? Da liest meine Frau den Schlußsatz: "Denn der Herr ist freundlich, und seine Gnade währet ewig und seine Wahrheit für und für".

Auf dem Weg zur Arbeit denke ich darüber nach. "Denn der Herr ist freundlich". Was heißt das? Es heißt wohl: Gott meint es gut mit mir. Er will mir helfen wie ein Freund. Er ist ein freundlicher Herr. Ich nehme mir vor, an diesem Tag auf die Zeichen der Freundlichkeit Gottes zu achten.
Auf einmal sehe ich die Welt mit anderen Augen. Ich sehe das Kind in der Straßenbahn, das einer älteren Frau den Platz anbietet. Ich sehe den Kollegen, der mich freundlich begrüßt, als ich mein Büro betrete. Ich sehe den Blumenstrauß, der auf meinem Schreibtisch steht. Und ich sehe den anerkennenden Blick meines Chefs, der mich noch nie gelobt hat. In jedem Wort und in jedem Zeichen begegnet mir die Freundlichkeit Gottes, der es gut mit mir meint. Immer wieder denke an den Psalm: "Denn der Herr ist freundlich, und seine Gnade währet ewig und seine Wahrheit für und für".

Ein Tag aus meinem Leben. Es ist spät am Abend. Meine Frau und ich sind zum Essen eingeladen. Wir stehen vor dem Haus unserer Freunde. Auf der Fußmatte steht: "Herzlich willkommen". An der Tür hängt ein schöner Kranz mit bunten Bändern. Mein Freund öffnet die Tür. Er empfängt uns mit offenen Armen. Seine Frau hat den Tisch gedeckt. Das helle Porzellan hebt sich gut von der dunklen Tischdecke ab. Aus der Küche duftet es verheißungsvoll. Mein Freund zündet die Kerzen an. Ich denke mir: So ähnlich wird es auch im Himmel sein. Wir sind eingeladen zu einem großen Festmahl. Wir dürfen uns freuen an einem reich gedeckten Tisch. Und Gott selbst wird unser Gastgeber sein. Er meint es gut mit uns. Er ist ein freundlicher Herr.

Während ich über das himmlische Festmahl nachdenke, werde ich plötzlich unterbrochen. Mein Freund faltet die Hände. Er spricht die Worte, die mich schon den ganzen Tag begleiten: "Herr, wir danken dir, denn du bist freundlich und deine Güte währet ewiglich".


 

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