Goldstaub aus der Anstreichertüte

Vom Wert des Lebens

Es geschah am 17. September 1925 mitten in Mexiko-Stadt. Eine junge hübsche Frau namens Frida, gerade 18 Jahre alt, fährt mit dem Bus von der Schule nach Hause. Neben ihr sitzt Alejandro, ein Schulfreund, ihre erste große Liebe. Den beiden gegenüber sitzt ein Anstreicher auf dem Weg zur Arbeit mit einer kleinen Papiertüte in der Hand.

So fährt der Bus durch Mexiko-Stadt. Alejandro hält Fridas Hand und Frida schaut ihn an - und sie ist glücklich. In diesem Augenblick kollidiert der Bus mit einer Straßenbahn. Frida wird auf den Boden geschleudert und von einer zerborstenen Stange durchbohrt. Im gleichen Moment platzt die Tüte des Anstreichers und eine Wolke aus feinem Goldstaub regnet auf Fridas geschundenen Körper herab.

Als Frida wieder aufwacht, liegt sie in einem Krankenhaus. Sie ist von oben bis unten eingegipst. Alejandro dagegen ist kaum verletzt. Er besucht sie nach einigen Tagen, überreicht ihr einen Strauß roter Rosen und verabschiedet sich dann – für immer. Frida ist untröstlich. In ihrer Verzweiflung fängt sie an zu malen. Sie bemalt zunächst ihren Gips. Von oben bis unten. Nach einigen Wochen erhält sie ein Stahlkorsett. Sie wird nach Hause entlassen, muss aber weiter das Bett hüten.

Die Eltern legen sie in ein Himmelbett. Frida wünscht sich von der Mutter eine Staffelei und vom Vater einen großen Spiegel. Diesen Spiegel lässt sie an dem Himmel über ihrem Bett anbringen. Frida malt zunächst im Liegen, dann im Sitzen und schließlich im Stehen. Ihr Hauptmotiv ist sie selbst. Sie malt sich als nackte Schöne, die eine zerbrochene Säule in sich trägt. Als verlassene Braut mit dem Bild des Geliebten auf der Stirn. Und als emanzipierte Frau im Herrenanzug, die sich selbst die Haare abgeschnitten hat.

Das bewundere ich an der mexikanischen Malerin Frida Kahlo (1907-1954): ihren Mut, ihre innere Kraft, ihre Bereitschaft, sich stets der eigenen Person zu stellen, auch wenn es weh tat. Sie hat sich im Spiegel angeschaut. Sie hat dabei nicht nur den geschundenen Körper, sondern auch die zerbrochene Seele gesehen. Und sie hat diesen Anblick ertragen. Ja, noch mehr: Sie hat den Wert ihres Lebens erkannt. Die Würde, die ihr kein Unfall und kein treuloser Mann nehmen konnte: den Goldstaub aus der Anstreichertüte.


 

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