Im Irrgarten des Lebens

Das Labyrinth von Chartres

Das Labyrinth ist ein altes Symbol für den Lebensweg eines Menschen, der nicht immer geradlinig verläuft, sondern aus zahlreichen Windungen, Umwegen und Sackgassen besteht. Der griechischen Sage nach baute Dädalos für den König Minos auf Kreta ein Labyrinth, das als Gefängnis für den gefährlichen Minotauros diente. Erst dem tapferen Theseus gelang es, das Ungeheuer zu besiegen und mit Hilfe des Ariadnefadens wieder den Ausgang zu finden.

Im Gegensatz zu dem antiken Labyrinth kennt das mittelalterliche nur einen einzigen Weg, der zuverlässig zum Ziel führt. Auf dem Fußboden der Kathedrale von Chartres, 50 km westlich von Paris, befindet sich ein begehbares Kreuzlabyrinth aus dem 12. Jahrhundert, das aus 11 Ringen um eine gemeinsame Mitte besteht. Auf diesem Labyrinth tanzten die mittelalterlichen Mönche jeweils in der Osternacht und besangen dabei den Sieg Jesu über den Tod.

Die barocken Baumeister knüpften wieder an die antike Tradition an und entwarfen für ihre Schlösser Irrgärten aus Spalierhecken, die dem Zeitvertreib der gehobenen Gesellschaft dienten. Ein Beispiel dafür ist der weitverzweigte Rokokogarten von Veitshöchheim, der heute für jedermann geöffnet ist.

Das Motiv des Labyrinths kommt heute vor allem in der Welt der Kinder vor. Das Labyrinthspiel besteht aus einem Holzkasten mit zwei Rädern an der Seite, über die man eine Spielebene in alle vier Richtungen kippen kann. Die Aufgabe besteht nun darin, eine kleine Stahlkugel auf einem vorgezeichneten Weg - vorbei an zahlreichen Löchern – zu einem bestimmten Ziel zu bewegen. Fällt die Kugel in eines dieser Löcher, muss man wieder von vorne beginnen.

Das heitere Spiel der Kinder lässt oft vergessen, dass das Labyrinth einen sehr ernsten Hintergrund hat. Das Labyrinth steht für eine menschliche Urerfahrung: die der Ausweglosigkeit. Eine seelische Krankheit, eine Beziehungskrise oder eine Sucht können schnell zu einem Labyrinth werden.

Das Labyrinth von Chartres lädt dazu ein, sich in solchen Fällen am Kreuz neu auszurichten. Denn das Kreuz ist nicht das Zeichen einer Verirrung, sondern ein Symbol der Orientierung. Wer sich im Labyrinth des Lebens verirrt hat, kann sich am Kreuz neu orientieren.


 

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