Zum Kochen berufen

Als Gast bei Gianni

"Die Speisekarte bin ich". Mit diesen Worten begrüßte uns Gianni, als ich neulich mit einigen Mitarbeitern aus meiner Gemeinde das gleichnamige Bistro betrat und nach dem Angebot des Tages fragte. Der Chef des kleinen Lokals, der zugleich kocht und bedient, hat keine Speisekarte. Und zwar aus Überzeugung. Er bespricht mit seinen Gästen das Essen, macht eigene Vorschläge, geht aber auch auf die Wünsche der Gäste ein. Es gibt alles, was die italienische Küche zu bieten hat, nur keine Pizza.

"Ich bin kein Pizzabäcker", sagt Gianni, "ich bin ein Verrückter. Ich koche nur, was mir schmeckt. Alles wird frisch zubereitet".

Allerdings erwartet Gianni von seinen Gästen, dass sie sich auf ein gemeinsames Menü einigen. "Ein Mann kann nicht zwei Frauen haben", erklärt Gianni. "Wenn er sich der einen zuwendet, muss er die andere vernachlässigen. Auch ich kann nur ein gutes Essen zubereiten. Wenn ich zwei Dinge gleichzeitig mache, misslingen beide".

Dann trägt Gianni einen Gang nach dem anderen auf. Zunächst gibt es Orangensalat mit Shrimps, dann pochierten Lachs auf Basmatireis und schließlich, so Gianni, "etwas ganz Verrücktes": ein frisch geschlagenes Joghurteis. Die expressiven Bilder an der Wand, die ein Stammgast gestaltet hat, wirken wie ein künstlerisches Echo auf die kulinarischen Ideen des Italieners.

Bei dem obligaten Espresso setzt sich Gianni zu uns an den Tisch. Wir sprechen über Gott und die Welt. Mir wird dabei bewusst: Zu einem guten Essen gehören nicht nur frische Zutaten, sondern auch die Beziehung zwischen dem, der isst, und dem, der das Essen zubereitet hat.

Giannis Geschäftsphilosophie erscheint mir wie ein stummer Protest zu dem benachbarten Schnellrestaurant, das gerade den BigFish mit Tomate und Salat und die SeaBox mit Calamares und Shrimps anbietet. Unvorstellbar, dass der Filipino mit dem Besen nach dem Essen fragt: "Wie hat es Ihnen heute geschmeckt?".

Gianni stellt diese Frage und verabschiedet jeden Gast mit Handschlag. Sein Schlusswort klingt selbstbewusst, aber ohne jede Spur von Arroganz: "So wie ein Pfarrer zum Predigen berufen ist, so bin ich zum Kochen berufen".


 

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