Mariae Lichtmess

Vom Loslassen eines Kindes

"Mutter", rief das Kind in seinem Zimmer, "sprich mit mir, ich fürchte mich, weil es so dunkel ist". Die Mutter rief zurück: "Was hast du denn davon? Du siehst mich doch gar nicht". "Das macht nichts", antwortete das Kind, "wenn du mit mir sprichst, dann wird es licht".

Dieser Dialog stammt aus einem Lehrbuch des Tiefenpsychologen Sigmund Freud und hat mich an meine eigene Kindheit erinnert. Auch ich hatte Angst, wenn ich abends im Bett lag und nicht einschlafen konnte. Was mir geholfen hat, das war die Nähe meiner Mutter. Sie musste nicht bei mir sein. Es genügte mir, wenn ich wusste: Sie ist nebenan im Wohnzimmer. Ich kann sie nicht sehen. Aber das macht nichts. Denn ich kann ihre Stimme hören.

Die Kirche feiert am 2. Februar, 40 Tage nach Weihnachten, das Fest der "Darstellung des Herrn", das im Volksmund besser unter dem Namen "Mariae Lichtmess" bekannt ist. Der Evangelist Lukas berichtet davon, dass Maria an diesem Tag in den Tempel ging, um sich zu reinigen und ihr erstgeborenes Kind dem Herrn zu übergeben. Dass die feministische Theologie im Ritual der Reinigung einen Beleg für die Diskriminierung der Frau gesehen hat, beruht auf einem Missverständnis. Denn Maria war nicht für Gott unrein, sondern nur für ihren Mann. Sie sollte sich nach der Geburt ihres Kindes erholen und 40 Tage lang vor seinem Zugriff geschützt sein.

Die Darstellung des Kindes ist der rituelle Ausdruck eines Ablösungsprozesses, der mit der Geburt beginnt und manchmal ein Leben lang andauern kann. Immer wieder muss eine Mutter ihr Kind loslassen und - bildlich gesprochen - Gott übergeben. Dieser Vorgang ist für eine Mutter nicht nur mit Freude, sondern auch mit Angst verbunden. Die Angst vor dem Loslassen macht offenbar, dass nicht nur ein Kind auf seine Mutter, sondern auch eine Mutter auf ihr Kind angewiesen sein kann. Das Fest Mariae Lichtmess lädt beide, Mutter und Kind, dazu ein, sich mit dieser Angst Gott anzuvertrauen: "Sprich mit mir, dann wird es licht".


 

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