Taft zum Kragen

Eine Ehe im Advent

"Taft zum Kragen". So heißt eine Adventsgeschichte der baltischen Schriftstellerin Else Hueck-Dehio. Diese Geschichte spielt im alten Estland und gibt einen tiefen Einblick in das Leben zweier Jungvermählter, die sich zwar lieben, aber noch lange nicht verstehen.

Eine junge Frau, die seit kurzem mit einem Pfarrer verheiratet ist, träumt davon, sich selbst ihren größten Weihnachtswunsch zu erfüllen. Sie wünscht sich weichen Taft, also Seide, für den Kragen ihres Festtagskleides. Darum geht sie in eine Textilhandlung und lässt sich von dem geschäftstüchtigen Inhaber, einem gewissen Herrn Ploetz, beraten. Herr Ploetz erkennt schon bald, dass sie nicht genügend Geld dabeihat, und erteilt der Pfarrfrau eine herbe Abfuhr.

Als sie das Anliegen am Sonntagmorgen ihrem Mann vorträgt, wird die junge Ehe auf eine harte Bewährungsprobe gestellt. Denn der Pfarrer reagiert mit Empörung auf den Wunsch seiner Frau, den er für "modischen Firlefanz" hält. Er verlässt im Zorn das Pfarrhaus, betritt die gut gefüllte Kirche und hält eine flammende Predigt über Johannes den Täufer, der ein "härenes Gewand" trug und sich nicht in "Samt und Seide" hüllte.

Doch immer wieder schweifen die Gedanken des Predigers ab und kreisen um den Weihnachtswunsch seiner Frau. "Jetzt nur noch das Fürbittengebet", denkt er sich, "dann habe ich es geschafft". Da betet der Pfarrer laut und deutlich in die Kirche hinein: "Herr, gib uns Taft zum Kragen, äh nein, Herr, gib uns Kraft zum Tragen". Eine Woge des Gelächters geht durch die adventliche Gemeinde. Nur zwei Menschen lachen nicht mit: die Pfarrfrau und Herr Ploetz.

Beim Mittagessen im Pfarrhaus herrscht betretenes Schweigen. Doch plötzlich klingelt es draußen. Die junge Pfarrfrau öffnet die Tür - und sieht niemand. Dafür findet sie auf der Fußmatte ein kleines Geschenkpaket. "Sieh, Eberhard", sagt sie, während sie den weichen glitzernden Taft entrollt. "Sieh, nun hat der liebe Gott dein Gebet doch erhört". Der junge Pfarrer steht auf, schließt seine Frau in die Arme und murmelt: "Verzeih mir, Elsbeth, verzeih".


 

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