Ergänzung zum Evangelischen Gesangbuch: das neue Liederheft "Kommt, atmet auf"
Foto: Niko Natzschka
Jesus im evangelischen Liedgut

Wie heißen die 10 beliebtesten Lieder aus dem Evangelischen Gesangbuch (EG)? Die Internetausgabe des Gesangbuches gibt Auskunft darüber, wie oft welches Lied aufgerufen wird. Die aktuellen Top Ten in Deutschland sind: 1. "Danke für diesen guten Morgen" (EG 334), 2. "Lobe den Herren, den mächtigen König" (316/317), 3. "Herr, deine Liebe ist wie Gras und Ufer" (638), 4. "Großer Gott, wir loben dich" (331), 5. "Ins Wasser fällt ein Stein" (645), 6. "Von guten Mächten treu und still umgeben" (637), 7. "Stern über Bethlehem" (545), 8. "Befiehl du deine Wege" (361), 9. "Komm, Herr, segne uns" (170) und 10. "Geh aus, mein Herz, und suche Freud" (503).

Was haben alle diese Lieder gemeinsam? Richtig! In keinem Lied kommt der Name "Jesus" vor. Das ist gewiss kein Zufall. Denn in einer pluralen Gesellschaft werden offenbar Lieder bevorzugt, die nicht konkret von Jesus sprechen, sondern eher allgemein von "Gott" oder noch allgemeiner "Von guten Mächten". Ausgerechnet das 1923 entstandene Lied "Jesu Name nie verklinget" wird im Bereich der Volkskirche so gut wie überhaupt nicht mehr gesungen. Das Jesuslied befindet sich offenbar in einer Krise.

Der Philipperhymnus

Das ist insofern ein Problem, als der christliche Glaube nicht denkbar ist ohne das Jesuslied. Denn jedes Glaubenslied ist ein gesungenes Bekenntnis. Was nicht mehr besungen wird, wird auch nicht mehr geglaubt. Das erste und wichtigste Jesuslied ist der Christushymnus aus Philipper 2. Paulus erinnert die Philipper an ein Lied, das sie offenbar gemeinsam im Gottesdienst gesungen haben:

"Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters" (Philipper 2,6-11).

Die Lieder Martin Luthers

Eine solch kompakte Zusammenfassung des gesamten Evangeliums in einem Lied findet sich erst wieder bei Martin Luther (1483-1546). Sein Lied "Nun freut euch, lieben Christen g'mein" (EG 341) trägt den Untertitel "Ein Danklied für die höchsten Wohltaten, so uns Gott in Christo erzeigt hat". Martin Luther schreibt in Vers 4: "Da jammert Gott in Ewigkeit / mein Elend übermaßen. / Er dacht an sein Barmherzigkeit, / er wollt mir helfen lassen. / Er wandt zu mir das Vaterherz, / es war bei ihm fürwahr kein Scherz. / Er ließ sein Bestes kosten".

Der ein wenig archaisch anmutende Sprachstil darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Martin Luther am Ende des Mittelalters ein bahnbrechender Modernisierer war. Denn er hat dem geistlichen Stand neben dem alleinigen Recht, die Schrift auszulegen, noch ein weiteres Privileg genommen: den liturgischen Gesang. Und er hat dem einfachen Volk nur nicht eine Bibel in die Hand gedrückt sondern auch ein Gesangbuch. Damit hat Martin Luther etwas erfunden, was es vorher in dieser Form nicht gab: das Gemeindelied. Oder anders gesagt: die Aneignung des Heils durch das gemeinsame Singen.

Martin Luther hat das gesamte Kirchenjahr vertont. Advent: "Nun komm, der Heiden Heiland" (EG 4). Weihnachten: "Vom Himmel hoch, da komm ich her" (24). Ostern: "Christ lag in Todesbanden" (101). Pfingsten: "Nun bitten wir den Heiligen Geist" (124). Trinitatis: "Gott der Vater steh uns bei" (138). Martin Luther hat außerdem den von ihm geschaffenen Katechismus vertont. Zehn Gebote: "Dies sind die heilgen zehn Gebot" (EG 231). Glaubensbekenntnis: "Wir glauben all an einen Gott" (183). Vaterunser: "Vater unser im Himmelreich" (344). Taufe: "Christ, unser Herr, zum Jordan kam" (202). Beichte: "Aus tiefer Not schrei ich zu dir" (299). Abendmahl: "Gott sei gelobet und gebenedeiet" (214).

Die Lieder Paul Gerhardts

Die Bedeutung von Martin Luther für die evangelische Liedkultur wird nur noch übertroffen durch Paul Gerhardt (1607-1676). Seine bekanntesten Lieder heißen "Befiehl du deine Wege" (EG 361), "Die güldne Sonne" (449), "Du, meine Seele, singe" (302), "Geh aus, mein Herz, und suche Freud" (503), "Ich singe dir mit Herz und Mund" (324), "Lobet den Herren alle, die ihn ehren" (447) und "Nun ruhen alle Wälder" (477). Die meisten Texte sind am Ende des 30-jährigen Krieges in Berlin entstanden und spiegeln die Freude über den Westfälischen Frieden von 1648 und die Hoffnung auf eine friedliche Zukunft unter Gottes Schutz und Segen wider. Paul Gerhardt orientiert sich wie Martin Luther am Kirchenjahr. Advent: "Wie soll ich dich empfangen" (EG 11). Weihnachten: "Ich steh an deiner Krippen hier" (37). Passion: "O Haupt voll Blut und Wunden" (85). Ostern: "Auf, auf, mein Herz, mit Freuden" (112). Pfingsten: "Zieh ein zu deinen Toren" (133).

Wie bei Martin Luther spielt die Person Jesu in den Liedern Paul Gerhardts eine zentrale Rolle. Ein besonders eindringliches Beispiel ist das Passionslied "O Haupt voll Blut und Wunden", in dem Paul Gerhardt Jesus direkt anspricht und in Vers 9 sein Schicksal mit dem Schicksal Jesu verknüpft: "Wenn ich einmal soll scheiden, / so scheide nicht von mir. / Wenn ich den Tod soll leiden, / so tritt du dann herfür. / Wenn mir am allerbängsten / wird um das Herze sein, / so reiß mich aus den Ängsten / Kraft deiner Angst und Pein".

Der Pietismus

Mit der Verknüpfung "Jesus und ich" bereitet Paul Gerhardt den Pietismus vor, der einer als erstarrt empfundenen lutherischen Theologie eine subjektive und gefühlsbetonte Frömmigkeitspraxis entgegensetzt. Die pietistischen Lieder schwärmen – nicht selten unterbrochen von den Ausrufen "Oh" und "Ach" – von Jesus als dem Lämmlein Gottes und himmlischen Bräutigam, der die gläubige Seele aus dem irdischen Jammertal führt. Die meisten dieser Lieder, die in frommen Erbauungsstunden gesungen werden, geraten schon bald wieder in Vergessenheit. Nur wenige pietistische Lieder finden ihren Weg in den Kanon der Weltliteratur - und meistens spielt der Name "Jesus" eine zentrale Rolle. Als Beispiele seien genannt "Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude" (66) von Johann Ludwig Konrad Allendorf (1693-1773), "Jesus Christus herrscht als König" (EG 123) von Philipp Friedrich Hiller (1699-1769) und "Jesu, geh voran" (391) von Nikolaus Ludwig Graf von Zinzendorf (1700-1760).

Eine Sonderstellung unter den pietistischen Liederdichtern nimmt Gerhard Tersteegen (1697-1769) ein, dessen mystische Frömmigkeit auch einmal ohne den Namen "Jesus" auskommen kann. Während das Lied "Ich bete an die Macht der Liebe" noch an das christliche Bekenntnis "die sich in Jesus offenbart" gebunden bleibt, wirkt das Lied "Gott ist gegenwärtig" (EG 165) eher pantheistisch als pietistisch. In Vers 5 schreibt Gerhard Tersteegen: "Luft, die alles füllet, / drin wir immer schweben, / aller Dinge Grund und Leben. / Meer ohn Grund und Ende, / Wunder aller Wunder, / ich senk mich in dich hinunter. / Ich in dir, / du in mir, / lass mich ganz verschwinden, / dich nur sehn und finden".

Aufklärung und Erweckung

Ein weiterer Wegbereiter der Moderne ist der aufgeklärte Theologe Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769), dem die evangelische Kirche nicht nur Lustspiele wie "Die Betschwester" zu verdanken hat, sondern auch eines ihrer schönsten Osterlieder: "Jesus lebt, mit ihm auch ich" (EG 115). Auch wenn die Aufklärung nicht gerade eine Blütezeit des Jesusliedes ist, hat sie doch für das Bekenntnis zu Christus Entscheidendes geleistet. Die Aufklärung hat gezeigt, dass zur Freiheit des Glaubens auch die Freiheit gehört, nicht zu glauben. Oder anders gesagt: Das Bekenntnis zu Jesus Christus als dem Sohn Gottes ist in der Moderne nur möglich, wenn es auch die Möglichkeit gibt, sich nicht zu ihm zu bekennen.

Von dieser Freiheit lebt bereits die Erweckungsbewegung, die den Begriff der "Entscheidung für Christus" geprägt hat. Dass Aufklärung und Erweckung sich nicht ausschließen sondern bedingen, zeigt auch die Tatsache, dass erstmals Frauen als Liederdichterinnen auftreten. Als Beispiele für in dieser Zeit entstandene Lieder seien genannt: "So nimm denn meine Hände" (EG 376) von Julie Hausmann (1826-1901), "Ich bin durch die Welt gegangen" (621) von Eleonore Fürstin Reuß (1835-1903) und "Weiß ich den Weg auch nicht" von Hedwig von Redern (1866-1935). Ein typisches Jesuslied aus der Zeit der Erweckungsbewegung ist das Lied "Bei dir, Jesu, will ich bleiben" (EG 406) von Philipp Spitta (1801-1859).

Jochen Klepper und Dietrich Bonhoeffer

Als wichtigster Liederdichter des 20. Jahrhunderts gilt Jochen Klepper (1903-1942), dessen Texte einerseits geprägt sind von seiner Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und andererseits von einem tiefen an Jesus orientierten Glauben. Im 1. Vers seines Neujahrsliedes (EG 64) schreibt Jochen Klepper: "Der du die Zeit in Händen hast, / Herr, nimm auch dieses Jahres Last / und wandle sie in Segen. / Nun von dir selbst in Jesus Christ / die Mitte fest gewiesen ist, / führ uns dem Ziel entgegen". Weitere bekannte Lieder von Jochen Klepper sind das Adventslied "Die Nacht ist vorgedrungen" (16) und das Morgenlied "Er weckt mich alle Morgen" (452).

Auch in der Theologie Dietrich Bonhoeffers (1906-1945) steht Jesus als der Sohn Gottes im Mittelpunkt. Allerdings zeichnet sich bereits in seinem - später von Siegfried Fietz (geb. 1946) vertonten – Text "Von guten Mächten" die Vision von einem religionslosen Christentum ab. Ein Christentum ohne Religion, das Dietrich Bonhoeffer im Sommer 1944 in seinen Briefen an Eberhard Bethge skizziert, vertröstet die Menschen nicht mehr aufs Jenseits, sondern steht ihnen schon im Diesseits bei. Dietrich Bonhoeffer betont einerseits die Gegenwart Gottes in der Welt durch den Menschen Jesus Christus und anderseits das Leiden Gottes an der Welt. Er fordert eine Verkündigung, die nicht von frommen Phrasen geprägt ist, sondern durch die Übereinstimmung von Wort und Tat. Das religionslose Christentum unterscheidet nicht mehr zwischen Gläubigen und Ungläubigen, sondern kennt nur noch Menschen, die auf Gottes Barmherzigkeit angewiesen sind. Diese Vision verdichtet sich in dem Text "Christen und Heiden", der immer noch auf seine Vertonung wartet: "Gott geht zu allen Menschen in ihrer Not, / sättigt den Leib und die Seele mit Seinem Brot, / stirbt für Christen und Heiden den Kreuzestod / und vergibt ihnen beiden".

Die Wiederkehr des Jesusliedes

Dass sich Dietrich Bonhoeffers Vision zunächst nicht erfüllt hat, zeigt sich an der weiteren Entwicklung des evangelischen Liedgutes, das nicht von der Aufarbeitung der politischen Vergangenheit, sondern von der Hinwendung zu einer neuen Jesusfrömmigkeit geprägt ist. Die Lieder der 50er und 60er Jahre heißen "Heute will dich Jesus fragen", "Jugend für Christus" und "Wir singen von Jesus". Der Name "Jesus" wird zum signifikanten Unterscheidungsmerkmal zwischen der Vereinsjugend (CVJM, CJB, EC) und der kirchlichen Jugendarbeit, die überwiegend von "Gott" spricht. Erst die Studentenrevolte des Jahres 1968, das Woodstock-Festival 1969 und die Hippiebewegung der 70er Jahre stellen das bürgerliche Christusbild in Frage, und entdecken den Pazifisten und Sozialrevolutionär Jesus. Ein für diese Zeit typisches Lied stammt von Andreas Malessa (geb. 1955): "Man sagt, er war ein Gammler, er zog durch das ganze Land, rauhe Männer im Gefolge, die er auf der Straße fand. Niemand wusste, wo er herkam, was er wollte, was er tat. Doch man sagte: Wer so redet, ist gefährlich für den Staat".

Auf jeden politischen Anspruch verzichten die Lobpreislieder, die in den letzten 30 Jahren entstanden sind. Diese Lieder zeichnen sich aus durch einfache, an der Popmusik orientierte Melodien, einprägsame Texte und häufige Wiederholungen. Diese Lieder, die meistens aus den USA stammen und nicht selten mit Gitarre, Keyboard und Schlagzeug begleitet werden, erfreuen sich insbesondere bei der jungen Generation großer Beliebtheit. Aus dem Bereich der Lobpreislieder ragen zwei Lieder heraus, die den am Anfang zitierten Philipperhymnus aufgreifen. Das Lied "Herr, dein Name sei erhöht" erscheint wie eine Kurzfassung der christlichen Botschaft: "Du kamst vom Himmel herab, / zeigst uns den Weg. / Herr, du hast am Kreuz bezahlt / für meine Schuld. / Und sie legten dich ins Grab, / doch du stiegst zum Himmel auf, Herr, dein Name sei erhöht". In dem Lied "Komm, jetzt ist die Zeit, wir beten an" heißt es "Jede Zunge wird dich bekennen als Gott, / jeder wird sich beugen vor dir. / Doch der größte Schatz bleibt für die bestehn, / die jetzt schon mit dir gehen".

Die Lobpreislieder relativieren den eingangs entstandenen Eindruck, das Jesuslied befinde sich in einer Krise. Denn solange es Christen gibt, werden sie sich zu Jesus bekennen und ihn auch als den Sohn Gottes besingen. Und wer eine Überfremdung durch US-amerikanische Lieder befürchtet, mag sich damit trösten, dass die Kirche ihr vielleicht schönstes Jesuslied einem Deutschen zu verdanken hat. August Heinrich Hoffmann von Fallersleben (1798-1874) hat einen Text aus dem 17. Jahrhundert mit einer Melodie aus dem 19. Jahrhundert verknüpft: "Schönster Herr Jesu, / Herrscher aller Herren, / Gottes und Marien Sohn, / dich will ich lieben, / dich will ich ehren, / meiner Seele Freud und Kron" (EG 403).

Niko Natzschka

Copyright © 1999-2017 Martin-Luther-Kirche, Würzburg. Alle Rechte vorbehalten.
Impressum, Datenschutz, Haftungsausschluß
.