Die Rückkehr des Bären

Glaube und Naturschutz

Ein Bild, das ich bei meinem letzten Besuch in München gesehen habe, lässt mich nicht mehr los. Es stammt von dem romantischen Maler Heinrich Bürkel (1802-1869) und hängt heute im Deutschen Fischerei- und Jagdmuseum. Dieses Bild zeigt den Triumphzug der Jäger durch Ruhpolding, nachdem sie im Jahr 1835 am nahegelegenen Schwarzachenbach den letzten bayerischen Braunbären erlegt hatten.

Die Botschaft des Bildes ist klar: Endlich hat der Mensch seinen letzten natürlichen Feind besiegt und kann von nun an ohne jede Beschränkung über die Welt herrschen. Offensichtlich ahnte Heinrich Bürkel noch nicht, dass das Verschwinden des Bären ein düsteres Vorzeichen für das Verschwinden des Menschen von unserem Planeten sein könnte.

Genau diese Vorahnung hat jedoch einen Zeitgenossen des Malers, den schwäbischen Pfarrer Christian Adam Dann (1758-1837), bestimmt. Der lutherische Theologe und überzeugte Pietist entdeckte in seiner damaligen Gemeinde Mössingen einen von Gewehrkugeln durchlöcherten Storch und prangerte daraufhin in einer Schrift die sinnlose Quälerei von Tieren an: "Bitte der armen Thiere, der unvernünftigen Geschöpfe, an ihre vernünftigen Mitgeschöpfe und Herrn, die Menschen".

In einer weiteren Schrift wandte er sich gleichermaßen gegen die Vernachlässigung von Haustieren und die Ausrottung von Wildtieren: "Nothgedrungener, durch viele Beispiele beleuchteter Aufruf an alle Menschen zum Nachdenken und Gefühl zu gemeinschaftlicher Beherzigung und Linderung der unsäglichen Leiden der in unserer Umgebung lebenden Thiere".

Beide Schriften lassen erkennen, dass Christian Adam Dann noch an die Vernunft und auch an die Barmherzigkeit des Menschen glaubte. Ausgehend von dem Bibelwort "Der Gerechte erbarmt sich seines Viehs, aber das Herz der Gottlosen ist unbarmherzig" (Sprüche 12,10) erklärte er, dass die Liebe zu Gott für ihn nicht denkbar sei ohne die Nächstenliebe und die Liebe zur Natur. Wer Tiere quäle, könne – aus seiner Sicht - kein Christ sein.

Mit dieser Aussage konnte er auch seinen Freund, den Liederdichter und Pfarrer Albert Knapp (1798-1864), überzeugen, der kurz nach Danns Tod den ersten Tierschutzverein Deutschlands gründete. Unter Berufung auf den Apostel Paulus erklärte Albert Knapp, der Tierschutz sei ein zutiefst christliches Anliegen: "Denn das ängstliche Harren der Kreatur wartet darauf, dass die Kinder Gottes offenbar werden" (Römer 8,19).

Sowohl bei Dann als auch bei Knapp fällt jedoch auf, dass ihre theologischen Schriften völlig unverbunden neben ihren Aufrufen zum Tierschutz stehen. Auch die Lieder von Albert Knapp beschäftigen sich ausschließlich mit dem Menschen und seiner Erlösung durch Christus, aber nicht mit dem Wirken Gottes in der Natur. Nun ist es an der Zeit, eine neue theologische Konzeption zu finden, die nicht mehr den Menschen allein sondern die gesamte Schöpfung in den Mittelpunkt des Denkens rückt. Denn der Mensch kann nur in einem intakten Ökosystem überleben.

Was mir Mut macht, ist die Tatsache, dass in den letzten Jahren zahlreiche Wildtiere nach Deutschland zurückgekehrt sind. Inwischen gibt es wieder Luchse im Bayerischen Wald, Biber in der Donau, Wisente im Rothaargebirge und Wölfe in der Lausitz. In Brandenburg sind sogar schon vereinzelt Elche gesichtet worden. Ein Hoffnungsträger ist für mich auch der Bär Bruno, der vor acht Jahren völlig unvermutet in Bayern aufgetaucht ist. Der erste seit mehr als 170 Jahren. Und hoffentlich nicht der letzte.

Niko Natzschka

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