Rückgang oder Wachstum?

Die Umkehrung einer Fürbitte

Auf ein liturgisches Kuriosum bin ich im Oberen Rhonetal gestoßen: Mehr als 300 Jahre haben die Bewohner des Walliser Dorfes Fiesch für den Rückgang des Großen Aletschgletschers gebetet. Seit drei Jahren beten sie dafür, dass er wieder wächst.

Der Aletschgletscher ist bis heute der größte und längste Gletscher der Alpen. Sein Schmelzwasser speist im Frühjahr und Sommer den Märjelensee, der in früheren Jahrhunderten regelmäßig über die Ufer trat und mit seinen Wasserfluten das Dorf Fiesch sowie die umliegenden Weidegründe bedrohte.

Darum wandten sich Bewohner von Fiesch im Jahr 1678 an den damaligen Papst Innozenz XI., der die Einführung einer Bittprozession erlaubte, die seitdem in jedem Jahr am 31. Juli stattfand. Die Walliser beteten mit Erfolg: Der Aletschgletscher verlor mehr als die Hälfte seiner Fläche, und die Gletscherzunge zog sich um 2,5 km zurück. Dadurch wurde allerdings nicht nur die Trinkwasserversorgung von Fiesch gefährdet, sondern auch das ökologische Gleichgewicht des Oberen Rhonetals.

Darum wandten sich die Bewohner von Fiesch im Jahr 2010 erneut an den Papst, diesmal an Benedikt XVI., und baten ihn, die Prozession ab sofort unter umgekehrtem Vorzeichen durchführen zu dürfen. Seit dem 31. Juli 2012 beten die Walliser nun für das Wachstum des Aletschgletschers: ein Kuriosum, das mich an ein Wort des Paulus erinnert, das Johann Sebastian Bach in einzigartiger Weise vertont hat: „Der Geist hilft unsrer Schwachheit auf, denn wir wissen nicht, was wir beten sollen“.

Niko Natzschka

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