Die vier Kerzen

Nie fehle dir das Hoffen

Vier Kerzen brannten am Adventskranz. Es war ganz still. So still, dass man hören konnte, wie die Kerzen zu reden begannen.

Die erste Kerze seufzte und sagte: "Ich heiße Frieden. Mein Licht leuchtet, aber die Menschen halten keinen Frieden. Sie wollen mich nicht". Ihr Licht wurde immer kleiner und erlosch schließlich ganz.

Die zweite Kerze flackerte und sagte: "Ich heiße Glaube. Aber ich bin überflüssig. Die Menschen wollen von Gott nichts mehr wissen. Es hat keinen Sinn mehr, dass ich brenne". Ein Luftzug wehte durch den Raum, und die zweite Kerze war auch aus.

Leise und traurig meldete sich die dritte Kerze zu Wort: "Ich heiße Liebe. Ich habe keine Kraft mehr zu brennen. Die Menschen stellen mich zur Seite. Sie sehen nur sich selbst und nicht die anderen, die sie liebhaben sollen". Und mit einem letzten Aufflackern war auch dieses Licht ausgelöscht.

Da kam ein kleines Kind in das Zimmer. Es schaute die Kerzen an und sagte: "Aber ihr sollt doch brennen und nicht aus sein!". Fast fing es an zu weinen.

Da meldete sich die vierte Kerze zu Wort. Sie sagte: "Hab keine Angst! Solange ich brenne, können wir auch die anderen Kerzen wieder anzünden. Ich heiße Hoffnung".

Mit einem Streichholz nahm das Kind Licht von dieser Kerze und zündete damit die anderen Kerzen wieder an.

Diese Geschichte geht auf das Gedicht "Vier Kerzen" der Würzburger Lyrikerin Elli Michler (geb. 1923) zurück. Auch die anderen Gedichte von Elli Michler spiegeln eine positive Einstellung zum Leben wider. Besonders hoffnungsvoll ist das Gedicht "Ich wünsche dir Zeit", das von dem Liedermacher Siegfried Fietz vertont worden ist.

Die Hoffnung ist auch ein zentrales Thema im Werk des Dichters Friedrich Rückert (1788-1866), der in Würzburg als Jurastudent und Hauslehrer tätig war. Nach dem Tod seiner Kinder Luise und Ernst in den Jahren 1833 und 1834 verfasste Friedrich Rückert – sage und schreibe - 428 Gedichte. Fünf dieser Gedichte wurden 70 Jahre später von dem Komponisten Gustav Mahler vertont.

Friedrich Rückert macht jedem Mut, der am Leben zu verzweifeln droht: "Schlägt dir die Hoffnung fehl, nie fehle dir das Hoffen! Ein Tor ist zugetan, doch tausend sind noch offen!".


 

Copyright © 1999-2017 Martin-Luther-Kirche, Würzburg. Alle Rechte vorbehalten.
Impressum, Datenschutz, Haftungsausschluß
.