Wenn der Bauer das Wetter macht

Eine Geschichte zum Erntedank

Es war einmal ein Bauer, der beklagte sich bitterlich beim lieben Gott. Er sagte: "Herr, du bist allmächtig und barmherzig. Du kannst der Sonne befehlen, dass sie scheint. Du kannst den Wolken befehlen, dass sie regnen. Und ich bin mir sicher: Du willst das Beste für alle Geschöpfe auf Erden.

Darum verstehe ich dich nicht: In einem Jahr lässt du die Sonne solange scheinen, dass die Halme auf dem Feld verdorren. Und im nächsten Jahr schickst du soviel Regen, dass die Körner in den Ähren verfaulen.

Aber ich weiß ja: Du hast viel zu tun und kannst dich nicht um alles kümmern. Darum erlaube ich mir die Frage: Kannst du dir vorstellen, die eine oder andere Aufgabe zu delegieren? Ich zum Beispiel wäre dazu bereit, zum Wohle aller das Wetter zu machen".

Der Bauer überlegte einen Moment, ob er vielleicht zu weit gegangen war. Darum schwieg er und wartete mit klopfendem Herzen auf eine Antwort. Der Herr lächelte im Stillen und sagte dann zu dem Bauern: "Ja, ich erlaube dir, das Wetter zu machen. Allerdings nur für ein Jahr. Dann sehen wir weiter".

Der Bauer machte sich sofort an die Arbeit. Er pflügte seinen Acker und säte das Getreide ein. Dann schickte er feinen Nieselregen und milde Sonnenstrahlen. Die grünen Halme schossen schnell in die Höhe und wurden schon bald goldgelb. Als sie drohten, braun zu werden, schob der Bauer Wolken vor die Sonne und begann mit der Ernte.

Voller Freude griff er nach der ersten Ähre. Doch erschrocken wich er wieder zurück. Denn die Ähre war völlig leer. In der Hülle steckte nicht ein einziges Korn. Vorsichtig trat er wieder näher und prüfte eine Ähre nach der anderen. Sie waren alle leer.

Völlig verzweifelt wandte sich der Bauer wieder an den lieben Gott. Er fragte: "Was habe ich bloß falsch gemacht?". Da antworte der Herr: "Du hast dir viel Mühe gegeben. Du hast Regen und Sonne zur richtigen Zeit eingesetzt und beides korrekt dosiert. Aber du hast etwas Wichtiges vergessen: den Wind".

Da erkannte der Bauer seinen Fehler. Er sagte: "Du hast recht, Herr. Ohne Wind werden die Blüten nicht bestäubt. Und ohne Bestäubung können sich keine Früchte bilden". Da fragte der Herr: "Darf ich dir im nächsten Jahr eine zweite Chance geben?". "Nein danke", sagte der Bauer. "Ich glaube, es ist besser, wenn du wieder das Wetter machst".


 

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