Eine schöne Predigt

Wenn Gedanken spazieren gehen

"Der Predigttext für den heutigen Sonntag steht im Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom ...". Mit diesen Worten begann unser Pfarrer seine letzte Sonntagspredigt.

"Er ist schon ein wenig aus dem Leim gegangen", dachte ich mir in diesem Moment. "Aber das wundert mich nicht. Denn unser Pfarrer ist jeden Tag zu einem anderen Geburtstag eingeladen. Und jedes Mal muss er ein Stück Sahnetorte oder eine Cremeschnitte essen.

Da fällt mir ein: Hat nicht Tante Hilde heute Geburtstag? Ja natürlich! Sie wird heute erst siebzig, dabei sieht sie schon aus wie achtzig. Na gut, wir werden alle nicht jünger.

Nur meine Nachbarin, die scheint nicht älter zu werden. Heute fliegt sie für zwei Wochen nach Mauritius, hat sie gesagt. Aber bestimmt nicht allein, so wie die aussieht.
Mauritius, ein Traum! Aber nicht für mich. Ich werde heute mittag Tante Hilde besuchen und am Nachmittag mit dem Fahrrad nach Erlabrunn fahren. An den Baggersee, wenn das Wetter hält.

Auf der Rückfahrt könnte ich noch in Veitshöchheim Pause machen und ein Eis essen. Die Portionen sind viel größer als in Würzburg. Am besten schmeckt die Wundertüte.

So wie unser Pfarrer aussieht, hat er schon einige Wundertüten gegessen. Mit Schoko- oder Erdbeersauce und einer Extraportion Sahne. Eine Radtour nach Erlabrunn könnte ihm nicht schaden ...".

"Amen". Dieses Wort beendete meinen Gedankenspaziergang abrupt. Natürlich ließ ich mir nichts anmerken, sondern blätterte eifrig in meinem Gesangbuch.

Nach dem Gottesdienst stand der Pfarrer in der Kirchentür. Er schüttelte jedem Besucher die Hand. Endlich war auch ich an der Reihe. "Vielen Dank, Herr Pfarrer", hörte ich mich sagen. "Schön haben Sie heute gepredigt".


 

 

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