Ein Mensch bleibt immer ein Mensch

Die Kerze im Abseits

"Was immer ein Mensch getan hat, er bleibt ein Mensch". Dieses Wort stammt aus dem Mund des ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau. In der - wie er selbst sagte - schwersten Stunde seines politischen Lebens, erinnerte der Sohn eines Predigers an die reformatorische Erkenntnis, dass der Mensch mehr ist als die Summe seiner Taten.

Am 26. April 2002 hatte der Schüler eines Erfurter Gymnasiums 16 Menschen erschossen und sich dann selbst das Leben genommen. Dieser Amoklauf versetzte nicht nur Erfurt, sondern die ganze Republik in einen Schockzustand.

Erst Johannes Rau gelang es, das Unfassbare in Worte zu fassen, ohne jeden Erklärungsversuch und ohne jede Schuldzuweisung. Am 3. Mai 2002 sprach er im Rahmen der Trauerfeier vor dem Erfurter Dom zu einer unübersehbaren Menschenmenge. Er las die Namen der 16 Opfer in alphabetischer Reihenfolge vor.

Dann wandte er sich an die Eltern des Amokläufers, die der Trauerfeier unerkannt beiwohnten: "Meine Gedanken gehen auch zur Familie des Täters. Niemand kann Ihren Schmerz, Ihre Trauer und wohl auch Ihre Scham ermessen. Ich möchte Ihnen sagen: Was immer ein Mensch getan hat, er bleibt ein Mensch".

Eine mutige Formulierung angesichts der Tatsache, dass die Vertreter der beiden großen Kirchen bis kurz vor der Trauerfeier um die Frage gerungen hatten, ob 16 oder 17 Kerzen entzündet werden sollen. Der Täter bekam seine Kerze, wenn auch abseits von den anderen Kerzen.

"Ein Mensch bleibt immer ein Mensch". Daran musste ich denken, als ich über die Presse, Funk und Fernsehen von dem Fall des Würzburger Schülers erfuhr, der einer Mitschülerin mit einem "zweiten Erfurt" gedroht hatte.

Die Schulleitung hat - aus meiner Sicht - zum richtigen Zeitpunkt die notwendigen Konsequenzen gezogen. Aber auch das Gericht ist seiner Verantwortung gerecht geworden: Der Schüler darf sein Abitur ablegen, aber nicht an seiner bisherigen Schule.

Es bleibt zu hoffen, dass alle, die dem Schüler helfen wollten, nun auf gegenseitige Schuldzuweisungen verzichten und dass der Schüler seine neue Chance zu nutzen weiß.


 

 

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