Der Stern leuchtet noch immer

Weihnachten im Hochhaus

Wer vor einigen Jahren einen Weihnachtsengel aus dem Erzgebirge kaufte, konnte auf der Packung lesen: "Geflügelte Jahresendfigur". Irgendein Funktionär aus der damaligen DDR hatte sich diese Bezeichnung ausgedacht, um den christlichen Ursprung des himmlischen Devisenbringers zu verschleiern. Auch wenn die Holzfigur inzwischen wieder "Weihnachtsengel" genannt werden darf, hat der Niedergang des Sozialismus der Kirche des Ostens nicht den erhofften Aufschwung gebracht. Auch die Kirche des Westens verliert immer mehr an Ausstrahlungskraft, sodass sich ihre Vertreter besorgt fragen: Werden unsere Kinder noch Christen sein? Werden sie noch wissen, was ein Engel ist und auf wen der Stern hinweist?

Während ich darüber nachdenke, schlafe ich ein. Ich träume davon, wie das Weihnachtsfest in 100 Jahren aussieht, im elften Stock eines Hochhauses auf dem Heuchelhof.

Ein kleiner Junge sitzt auf dem Boden. Er kramt in einer alten Schachtel. Dabei fördert er allerlei Krimskrams zutage, darunter auch einen glänzenden Stern. "Was ist das?", fragt er. "Ein Weihnachtsstern", sagt seine Mutter, "etwas von früher, von einem alten Fest". "Was war das für ein Fest?", fragt der Junge. "Ein langweiliges Fest", sagt die Mutter. "Deine Großeltern stellten einen Tannenbaum auf und hefteten diesen Stern an seine Spitze. Der Weihnachtsstern sollte auf das Jesuskind hinweisen". "Das Jesuskind?", fragt der Junge. "Was ist denn das schon wieder?". "Das erzähle ich dir ein andermal", sagt die Mutter.

Dann führt sie den Jungen nach draußen. Im Treppenhaus öffnet sie den Deckel des Müllschluckers und sagt: "Wirf den Stern da hinein! Wir brauchen ihn nicht mehr". Der Junge zögert einen Moment. Dann wirft er den Stern in die Tiefe und schaut ihm nach.

Nach einiger Zeit kommt die Mutter wieder. Der Junge steht immer noch an dem geöffneten Müllschlucker und sieht wie gebannt nach unten. "Was machst du da?", fragt die Mutter. "Ich sehe den Stern", stammelt der Junge aufgeregt. "Der Stern liegt ganz unten. Aber er leuchtet noch immer!"


 

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